Full text: Hans Driesch

flauer, seine Vorgeschichte ist belanglos, das radioaktive Atom ist 
ein sozusagen unhistorisches Wesen, es ist nicht von seiner Ver¬ 
gangenheit bestimmt. Letjte Entscheidungen freilich würden erst im 
Rahmen einer metaphysisdien Gesamtwirklichkeitslehre gefällt 
werden können, für die die Einzelwissensdiaften nur Anregungen 
und Hinweise geben können, aber wie immer: Die Elementargese^e 
sind Aussagen über Wahrscheinlichkeiten, die „strengen“ Gesetje 
der Makrophysik ergeben sich nur für eine große Zahl. 
Damit ergibt sidi zunächst das Problem einer Ontologie der 
Wahrscheinlichkeit selbst20. Die Physik spricht von einer Doppel¬ 
natur der Materie, jedem Elementarmaterieteilchen ist eine Welle 
zuzuordnen, die die Ausbreitung des Auftretens „vermittelt“, wir 
können auch sagen, die Wahrscheinlichkeit des Auftretens voraus¬ 
bestimmt, eine „Wahrscheinlidikeitswelle“, die sich mit Überlicht- 
geschwindigkeit, also einer „immateriellen“ Geschwindigkeit fort¬ 
pflanzt. Aber auch das Licht hat eine Doppelnatur — wir sehen, wie 
das Gewebe der modernen Mikrophysik zusammenhängt, d. h. schon 
ein wirkliches Gewebe, nicht nur eine einzelne Masche ist —, es 
tritt in korpuskularer Natur auf als Photonen und pflanzt sich als 
Welle fort; diese Welle hat die materielle Grenzgeschwindigkeit, 
die Lichtgeschwindigkeit, aber keine korpuskulare „Ruhemasse“! 
Was heißt aber „Wahrscheinlichkeitswelle“? Wenn Wahrscheinlich¬ 
keit nur ein mathematischer Ausdruck ist (Verhältnis der günstigen 
zu den möglichen Fällen, so wird sie in der Mathematik eingeführt), 
dann hat sie keine physikalische, keine reelle Bedeutung. Wenn sich 
die Wirklichkeit nach solchen „Wahrscheinlichkeitswellen“ und 
Wahrscheinlichkeitsgleichungen richtet, dann müssen sie mehr als 
ideelle Bedeutung haben. Real aber können sie als bloße Wahr¬ 
scheinlichkeiten auch nicht heißen. 
Wir kommen also zu der Notwendigkeit, eine reale Möglichkeit, 
eine Potentialität, die sozusagen mehr ist als Nichtsein und weniger 
als Sein, einzuführen (wir werden später diesen alten Begriff, der 
sich mit neuem Inhalt zu füllen scheint, durch eine Deutung unserem 
Verständnis näherbringen können)! Die Sonderstellung des Lich¬ 
tes aber und der Strahlung mit „Masse“, aber ohne „Ruhemasse“ 
weist in das andere Gebiet der neuzeitlichen Entwicklung, in die 
Ätherphysik und die Relativitätstheorie. Kurz, wir sagen nicht zu 
viel, wenn wir behaupten, die moderne theoretische Physik ruft nach 
einer neuen Ontologie, in der erst die vorläufig gebildeten Be¬ 
griffe: der Wahrscheinlichkeitswellen mit Überlichtgeschwindigkeit 
und Lichtgeschwindigkeit als materieller Grenzgeschwindigkeit, der 
veränderlichen Masse und beim Licht fehlenden Ruhemasse, der 
2n Vgl. den Aufsatj des Vf. in „Naturwissenschaften“, 1941. 
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