Full text: Über die Freiheit

soviel Schaden an wie vorher, und zudem hatten 
sich die Beispiele, Einwände, Beweismittel und Tat¬ 
sachen vermehrt, die gegen alle politischen Einrich¬ 
tungen vorgebracht werden können. 
In einer auf der Volkssouveränität beruhenden 
Gesellschaft sind gewiss weder ein Einzelner noch 
eine Klasse befugt, die Übrigen ihrem besonderen 
Willen zu unterwerfen; doch ebensowenig darf die 
ganze Gesellschaft über ihre Glieder eine unbe¬ 
schränkte Herrschaft ausüben. 
Die Gesamtheit der Bürger ist der Souverän, in 
dem Sinn, dass sich kein Einzelwesen, keine Par¬ 
tei, keine Teilvereinigung die Oberhoheit anmassen 
kann, wenn sie ihnen nicht übertragen worden ist. 
Indessen folgt daraus nicht, dass die Gesamtheit der 
Bürger oder diejenigen, welche von ihr mit der Sou¬ 
veränität bekleidet worden sind, über das Leben der 
Einzelnen selbstherrlich entscheiden können. Es gibt 
im Gegenteil einen Bezirk des menschlichen Da¬ 
seins, welcher notwendigerweise persönlich und un¬ 
abhängig bleibt und welcher von Rechts wegen 
ausserhalb jeder gesellschaftlichen Befugnis liegt. Die 
Souveränität besteht nur in beschränkter und be¬ 
dingter Form. An dem Punkte, wo die Unabhängig¬ 
keit des persönlichen Lebens beginnt, endet die Ge¬ 
richtsbarkeit dieser Souveränität. Wenn die Gesell¬ 
schaft diese Grenze verletzt, macht sie sich ebenso 
schuldig wie der Gewaltherrscher, der als Wahr¬ 
zeichen bloss den Mordstahl trägt; die Gesellschaft 
kann ihre Befugnisse nicht überschreiten, ohne sich 
Macht anzumassen, die Mehrheit nicht, ohne auf¬
	        
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