Full text : Das Saarland zwischen Frankreich, Deutschland und Europa

auch  diffusen  Gefühle  und  Hoffnungen  wurden  von  den  Parteien  des  „Heimatbundes“
  aufgegriffen  und  um  positive  Identifikationsangebote  ergänzt.  Die  Kritik
an  bestehenden  oder  befürchteten  Benachteiligungen,  das  deutlich  formulierte
Misstrauen  gegenüber  Frankreich  und  die  Vorwürfe  gegenüber  den  als  Vertreter
fremder  Interessen  denunzierten  politischen  Machthabern  wurden  einem  emotionalisierenden
  Deutschlandbild  gegenüber  gestellt,  das  Sicherheit,  Heimat,  Stärke  und
Vertrauenswürdigkeit  versprach.  So  wurde  das  „Nein“  zum  europäischen  Statut
von  einem  „Nein“  zu  Frankreich  und  zum  teilautonomen  Saarstaat  weiter  umgedeutet
  zu  einem  „Ja“  für  Deutschland.  Diese  Argumentation  wurde  mit  nationalistischen
  Emotionen  und  über  öffentlichkeitswirksame  Inszenierungen  wie  Konzerte
oder  das  gemeinsame  Absingen  von  Liedern  unterstrichen,  was  wiederum  heftige
Proteste  bei  den  Befürwortern  des  Statuts  hervorrief.  Vor  allem  die  CVP  beantwortete
  diese  Art  von  Stimmungsmache,  indem  sie  die  Erfolge  ihrer  bisherigen
Landespoiitik  unterstrich,  die  Persönlichkeit  ihres  prominenten  Ministerpräsidenten
in  den  Vordergrund  stellte  und  betonte,  was  für  Vorteile  -  zum  Beispiel  im  Bereich
der  Sozialleistungen  oder  der  Löhne  -  für  die  Saarländer  auf  dem  Spiel  standen.
Dazu  kam  eine  bissige  antinationalistische  Propaganda,  welche  den  „Nein-Sagem“
deutliche  Nähe  zu  faschistischem  Gedankengut  unterstellte  und  -  vor  dem  Hintergrund
  der  ersten  Saarabstimmung  1935  -  alte  Ängste  neu  zu  beleben  suchte.
Das  Ende  des  ,,Sonderwegs“
Das  Ergebnis  des  Referendums  vom  23.  Oktober  1955  war  eindeutig.  Rund  zwei
Drittel  der  Stimmen  entfielen  auf  das  „Nein“,  wobei  das  Votum  -  sowohl  nach
regionalen  wie  auch  nach  sozialen  Kriterien  -  weitgehend  einheitlich  ausfiel.
Lediglich  in  den  Städten  und  in  den  westlichen  Landesteilen  ergab  sich  ein
höherer,  jedoch  nur  in  einzelnen  Gemeinden  mehrheitlicher  Prozentsatz  von
„Ja“-Stimmen.  Dass  sich  -  ganz  im  Gegensatz  zur  Abstimmung  von  1935  und  trotz
all  der  regionalen  sowie  europapolitischen  Entwicklungen,  welche  die  Position  der
Hoffmann-Regierung  und  Frankreichs  seit  1952  zunehmend  unterminiert  hatten  -
dennoch  rund  ein  Drittel  der  Abstimmenden  für  das  europäische  Statut  ausgesprochen
  hatte,  war  dabei  sogar  eher  noch  ein  überraschend  gutes  Ergebnis.  In  der
Saarpolitik  löste  das  Referendum  grundlegende  Veränderungen  aus.  Der  Rücktritt
Johannes  Hoffmanns  beendete  die  durch  seine  Amtsführung  geprägte  Nachkriegsepoche
  saarländischer  Politik,  und  mit  der  Bereitschaft  Frankreichs,  der  im  Abstimmungsergebnis
  erkennbaren,  mehrheitlichen  Forderung  nach  einer  Eingliederung  in
die  Bundesrepublik  zu  entsprechen,  zeichnete  sich  das  Ende  des  teilautonomen
Saarstaates  ab.  Mit  der  Führung  der  Regierungsgeschäfte  bis  zu  den  nächsten
Wahlen  wurde  vom  saarländischen  Landtag,  in  dem  die  „Heimatbund“-Parteien
noch  nicht  vertreten  waren,  der  parteilose  Heinrich  Welsch  betraut.  In  seiner
Amtszeit  als  Ministerpräsident  erfolgten  keine  grundlegenden  Weichenstellungen,

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