Full text : Das Saarland zwischen Frankreich, Deutschland und Europa

weite  abverlangte.  So  fiel  selbst  den  Politikern  die  Antwort  nicht  leicht.  In  der  neu
gegründeten  CDU  wurde  beispielsweise  ernsthaft  diskutiert,  ob  man  ein  „Nein“
vertreten  könne,  welches  dem  öffentlich  bekundeten  Willen  des  Bundeskanzlers
und  Bundesvorsitzenden  widerspreche  und  nach  allgemeiner  Einschätzung  nicht
unbedingt  als  mehrheitsfahig  anzusehen  war.  Mit  zunehmender  Dauer  des  Abstimmungskampfes
  kamen  aber  auch  in  der  CVP  Zweifel  auf,  ob  man  sich  mit  dem  „Ja“
nicht  etwa  auf  ein  doppeltes  Spiel  Adenauers  einlassen  würde.  Erschien  die  -  von
französischer  Seite  für  den  Fall  einer  Ablehnung  des  Statuts  immer  wieder  angedrohte
  -  Rückkehr  zum  Status  quo  ante  unter  pragmatisch-politischen  Gesichtspunkten
  nicht  attraktiver?  Aber  auch  nachdem  die  Fronten  -  durch  die  Aufteilung
der  Parteienlandschaft  in  die  Gruppe  der  „Ja-Sager“  aus  CVP  und  SPS  sowie  die
im  „Heimatbund“  versammelten  Gegner  des  Statuts  aus  CDU,  DSP  und  DPS  -  geklärt
  waren,  taten  sich  die  Parteistrategen  schwer  mit  der  zielgerechten  Vermittlung
jenes  unverständlichen  Sachzusammenhangs  gegenüber  der  Öffentlichkeit.
Besonders  interessant  ist  daher,  mit  welchen  Methoden  die  Parteien  im  Abstimmungskampf
  für  ihre  Ansichten  warben.  Alle  an  der  öffentlichen  Diskussion
beteiligten  Parteien  und  Gruppen  -  insgesamt  griffen  etwa  zwanzig  Organisationen
öffentlichkeitswirksam  in  die  Meinungsfindung  ein  -  entfalteten  eine  rege  Propaganda.
  Vor  allem  der  „Heimatbund“  setzte  eine  Vielzahl  von  unterschiedlichen
Werbeträgern  ein  und  ließ  -  offensichtlich  mit  reger  finanzieller  Unterstützung  aus
der  Bundesrepublik  -  großflächige  Plakate,  Flugblätter,  Zeitungen  und  Aufkleber
drucken.  Auffällig  ist,  dass  auch  bei  den  „Nein-Sagem“  die  Analyse  des  europäischen
  Statuts  und  seiner  politischen  und  wirtschaftlichen  Folgen  einen  recht  breiten
Raum  einnahm.  Dabei  wurden  die  Schwachstellen  und  Defizite  der  Regelung
ausführlich  thematisiert,  in  den  Zusammenhang  mit  negativen  Erfahrungen  der  vergangenen
  Jahre  gestellt  und  teilweise  sogar  programmatisch  formulierten  Altemativvorschlägen
  gegenübergestellt.  Große  Probleme  bereitete  offenbar  die  Frage,
welche  politischen  Auswirkungen  die  vom  „Heimatbund“  empfohlene  und  am  eindringlichsten
  von  der  DPS  propagierte  Ablehnung  des  Statuts  haben  würde.  In
seiner  vielbeachteten  Bochumer  Parteitagsrede  vom  21.  September  1955  hatte
Adenauer  noch  einmal  darauf  verwiesen,  dass  die  Annahme  des  Statuts  eine  Ablösung
  von  Johannes  Hoffmann  bei  den  kommenden  Landtagswahlen  ermöglichen
würde.  Tatsächlich  war  gerade  der  Ministerpräsident  als  „Hauptverantwortlicher“
für  alle  vom  „Heimatbund“  kritisierten  Missstände  in  der  saarländischen  Landespolitik
  ausgemacht  worden.  Hingegen  war  die  DPS  der  Ansicht,  nur  eine  Ablehnung
  des  Statuts  würde  zu  neuen  Verhandlungen  und  vor  allem  zum  Rücktritt
Hoffmanns  führen.  Untermauert  wurde  diese  Vorstellung  mit  einer  einprägsamen
und  werbewirksamen  Formel:  „Der  Dicke  muß  weg!“
Unzufriedenheit  und  Enttäuschung  über  die  Erfahrungen  im  teilautonomen
Saarstaat,  der  Wunsch  nach  einer  Ablösung  der  bisherigen  Regierung,  das  schlichte
Verlangen  nach  einer  Veränderung  „der  Verhältnisse“  -  jene  allgemeinen  und  oft

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