Full text : Das Saarland zwischen Frankreich, Deutschland und Europa

Einen  Wendepunkt  stellten  in  dieser  Hinsicht  die  Kommunalwahlen  des  Jahres
1949  dar.49  Innerhalb  der  CVP  brachen  nach  den  noch  stark  durch  die  Besatzungsmacht
  mitgestalteten  Weichenstellungen  der  Jahre  1946/47  Machtkonflikte  aus,  die
ihren  Höhepunkt  1949  auf  dem  Sulzbacher  Parteitag  mit  einem  -  allerdings  schon
im  Ansatz  gescheiterten  -  „Putschversuch“  gegen  Johannes  Hoffmann  erreichten.
Schon  kurz  nach  der  Staatsgründung  hatte  sich  eine  neue  Generation  junger  Politiker
  -  darunter  Edgar  Hector,  Erwin  Müller  und  Hans  Ruffing  -  etabliert,  die  jeweils
  unterschiedlich  sozialisiert  waren  und  nun  in  der  wichtigsten  Partei  des  Saarlandes
  um  die  politische  Macht  konkurrierten.  Dieser  -  für  parlamentarische  politische
  Systeme  durchaus  übliche  -  Wettbewerb  regionaler  Eliten  schlug  sich  schließlich
  in  den  Auseinandersetzungen  um  die  spezielle  politische  Situation  des  Saarlandes
  nieder.  Innerhalb  der  CVP  setzte  sich  mit  dem  späteren  Innenminister  Edgar
Hector  ein  strikter  Befürworter  der  profranzösischen  Ausrichtung  durch  und  konnte
so  zu  einer  der  einflussreichsten  Persönlichkeiten  in  der  Saarpolitik  aufsteigen.  Ihre
Bereitschaft  zu  grundsätzlicher  Kritik  an  der  Zusammenarbeit  mit  Frankreich
isolierte  dagegen  andere  Parteimitglieder,  die  sich  -  wie  1949  der  christliche  Gewerkschaftsführer
  Karl  Hillenbrand  -  zum  Austritt  aus  der  CVP  gezwungen  sahen.
Einen  besonderen  Weg  schlug  schließlich  die  DPS  ein.  Mit  konzeptioneller,
möglicherweise  auch  finanzieller  Unterstützung  aus  der  Bundesrepublik  -  wahrscheinlich
  von  Seiten  Gustav  Strohms  -  gestaltete  ein  neues  Führungsduo,
bestehend  aus  Heinrich  Schneider  und  Richard  Becker,  die  Partei  zu  einer
fundamental-oppositionellen  Kraft  um.  Noch  im  Jahr  1949  richtete  sich  die  Kritik
der  DPS  primär  auf  einzelne  Aspekte  der  wirtschaftlichen  und  politischen
Situation,  wie  sie  sich  seit  1945  entwickelt  hatte.  Doch  spätestens  seit  1950  wurde
immer  deutlicher  das  Autonomiekonzept  als  solches  kritisiert  und  eine  stärkere
Orientierung  nach  Deutschland  hin  gefordert.  Die  DPS  wurde  so  zu  einem
Sammelbecken  oppositioneller  Kräfte  -  auch  aus  den  Reihen  enttäuschter
CVP-Mitglieder.  Echte  Altemativkonzepte  entwickelten  diese  Kräfte  mit  ihrer  prodeutschen
  und  gegen  die  Autonomiepolitik  der  Regierung  gerichteten  Agitation
nicht.  Die  Kritik  der  DPS  an  den  Saarkonventionen  des  Jahres  1950  griff  beispielsweise
  überwiegend  solche  Argumente  auf,  die  bereits  innerhalb  der  regierungstreuen
  Kreise  diskutiert  worden  waren.  Sorgsam  vermieden  wurde  außerdem  die
Forderung  nach  einem  fundamentalen  Kurswechsel  -  beispielsweise  in  Form  einer
Eingliederung  der  Saar  in  die  Bundesrepublik.  Dennoch  verfehlte  die  von  der  DPS
entfaltete  Werbekampagne  ihre  Wirkung  auf  die  saarländische  Öffentlichkeit  nicht
und  rief  vor  allem  in  der  CVP  Verunsicherung  hervor  -  war  die  DPS  doch  bereits
bei  den  Kommunalwahlen  1949  ein  sehr  viel  unangenehmerer  Gegner  gewesen,  als
es  die  Zahlen  des  Wahlergebnisses  hatten  erkennen  lassen.  In  dieser  Situation  griff
die  saarländische  Regierung  zu  einem  radikalen  Mittel.  In  enger  Abstimmung  mit

49  Vgl.  Quelle  Nr.  54.

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