Zur Belastung wurde dabei insbesondere der Bergbau, der mit seinen schweren
körperlichen Anforderungen eine deutlich überdurchschnittliche Invaliditätsrate
und einen hohen Prozentsatz an Frühverrentung aufwies und durch seinen hohen
Bedarf an Arbeitskräften das Arbeitskräftepotenzial der Region weitgehend aufsog.
Nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern eben auch aus kulturellen Gründen
dominierten diese Anforderungen die Vorstellung vom Arbeitsleben. Dies erklärt
vermutlich zumindest teilweise, warum das prinzipiell vorhandene Angebot an
weiblichen Arbeitskräften im Saarland lange Zeit nicht ausgeschöpft wurde.46
Unmittelbare Auswirkungen auf die Regierungsarbeit hatten diese komplexen
Zusammenhänge vor allem im Bereich der Sozialpolitik. Da die saarländische Regierung
sowohl in der Wirtschaftspolitik als auch in der Frage der Mitbestimmung
kaum über eigene Handlungsspielräume verfügte, entwickelte sie - unter aktiver
Mitwirkung des Hochkommissariats - in den übrigen sozialpolitischen Bereichen
umso phantasievollere Lösungen. So wurde das Saarland zum aufschlussreichen
Experimentierfeld einer Politik, in der alte deutsche Traditionen und modernere
französische Sozialpolitik ineinander griffen. Das deutsche Sozialversicherungswesen
- um Jahrzehnte älter als das französische - war vor allem durch die im
Kaiserreich verwurzelten Unterschiede zwischen Arbeitern und Angestellten und
durch eine organisatorische Zersplitterung im hochgradig heterogenen Bereich der
Krankenversicherungen gekennzeichnet. Frankreich beschloss dagegen 1944/45
ein - letztlich allerdings nicht vollständig umgesetztes - System der Einheitsversicherung,
das dem Stand der internationalen Reformdiskussion bei Kriegsende
entsprach. An der Saar, wo unter anderem die Sonderposition der für die Wirtschaft
unentbehrlichen Knappschaften respektiert wurde, fand man - ähnlich wie in der
französischen Besatzungszone - eine Synthese aus beiden Systemen. Was die
Sozialversicherung betraf, so war in Frankreich die Stellung der Versicherten stark,
jedoch gleichzeitig von einer massiven partei- und besonders gewerkschaftspolitischen
Einflussnahme geprägt. Dagegen bewirkte die Einheitsgewerkschaft in den
deutschen Westzonen nach 1945 einen Rückgang der Politisierung hinsichtlich
sozialer Fragen, wobei einzig die Franzosen in ihrer Zone ab 1947 eine Wiederherstellung
der sozialen Selbstverwaltung im Rahmen ihrer Demokratisierungspolitik
betrieben. Kriegsopfer erhielten an der Saar - wie auch in der französischen Zone -
eine in mancherlei Hinsicht bessere Absicherung, als sie die Bundesrepublik ab
1950 gewährte. Die Wiedergutmachung galt bereits ab 1945 als vorrangiges politisches
Ziel. Nach französischem Vorbild wurde die Familienförderung im saarländischen
Tarif- und Steuersystem, anders als in der französischen Besatzungszone
und in der Bundesrepublik, deutlich ausgebaut.
4,1 Vgl. die Quellen Nr. 74 u. 78.
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