Full text : Das Saarland zwischen Frankreich, Deutschland und Europa

war  schwer  zu  finden.  Die  Erfolge  im  wirtschaftlichen  Wiederaufbau  des  Saarlandes,
  vor  allem  aber  die  als  vorbildhaft  angesehenen  Entwicklungen  in  der  Bundesrepublik
  ließen  zudem  die  Kompromissbereitschaft  auf  Gewerkschaftsseite  sinken.
Noch  dazu  hatte  die  Besatzungsmacht  in  der  eigentlichen  französischen  Zone  -  vor
allem  in  Rheinland-Pfalz  und  Baden  -  schon  seit  1947  sehr  weitgehende  Mitbestimmungsrechte
  akzeptiert  und  im  Rahmen  von  Demokratisierungskonzepten
sogar  aktiv  gefördert.  Die  rechtliche  Regelung  der  betrieblichen  Mitbestimmung
ließ  diesen  Konflikt  an  der  Saar  besonders  deutlich  hervortreten.  Ein  Versuch  zur
Lösung  dieser  Probleme  wurde  im  Jahr  1951  unternommen,  indem  das  Lohnniveau
im  Saarland  an  das  der  lothringischen  Schwerindustrie  angenähert  und  die  Arbeitnehmervertreter
  über  das  in  Frankreich  übliche  Maß  hinaus  an  der  Betriebsführung
beteiligt  wurden.  Bestehen  blieb  jedoch  die  starke  Stellung  staatlicher  Instanzen,
welche  nicht  zuletzt  den  Wünschen  der  französischen  Regierung  und  ihrer  Saarbrücker
  Vertretung  entsprach.  Alles  in  allem  stellte  die  herbeigeführte  Kompromissregelung
  jedoch  keinen  der  Beteiligten  zufrieden.  Hier  lag  wohl  auch  ein
wesentlicher  Grund  für  den  negativen  Ausgang  des  Referendums  von  1955.  Denn
die  restriktive  und  deutlich  hinter  der  Bundesrepublik  zurückstehende  Mitbestimmungspolitik
  musste  -  trotz  einer  im  übrigen  effizienten  Sozialpolitik  -  die  entschiedene
  Gegnerschaft  der  Gewerkschaften  zur  Folge  haben.
Neben  diesen  Konflikten  bestimmten  strukturelle  Probleme  die  saarländische
Innenpolitik  der  Nachkriegszeit.  Dazu  zählte  zunächst  die  einseitige,  von  Schwerindustrie
  und  Bergbau  dominierte  Wirtschaftsstruktur.45  Zwar  verzeichnete  dieser
Sektor  nach  Kriegsende  europaweit  einen  raschen  Aufschwung,  von  dem  das  Saarland
  stärker  und  vor  allem  früher  profitierte  als  die  Bundesrepublik.  Gleichzeitig
jedoch  sah  sich  diese  Branche  einem  hohen  Rationalisierungsdruck  ausgesetzt,  der
vor  allem  im  Saarland  nach  umfangreichen  Investitionen  verlangte.  Über  einen
Standortvorteil  verfügte  die  saarländische  Schwerindustrie  dabei  kaum  mehr,  da  die
qualitativ  minderwertige  Saarkohle  immer  schlechtere  Marktpreise  erzielte  und
dadurch  auch  die  Wettbewerbschancen  der  Stahlindustrie  nicht  mehr  auf  ihrer
Nähe  zu  den  saarländischen  Kohlegruben  beruhten.  Ähnliches  galt  für  die  Nachbarschaft
  zu  den  lothringischen  Erzgruben.  Deren  geringer  Eisengehalt  -  und
folglich  auch  hoher  Anteil  an  technisch  schwer  beherrschbaren  Fremdstoffen  -
erforderte  allerdings  komplizierte  Produktionsverfahren,  welche  die  saarländische
Schwerindustrie  in  einen  politischen  Wettbewerb  mit  ihrer  lothringischen  Konkurrenz
  um  staatlich  kontrollierte  Investitionsmittel  führten.  Während  die  Saar  in
der  unmittelbaren  Nachkriegszeit  von  verschiedenen  Seiten  als  ein  für  Frankreich
vielversprechendes  Reparations-  und  Beutegut  angesehen  wurde,  charakterisierten
wirtschaftswissenschaftliche  Analysen  ihre  Stellung  in  der  französischen  Wirtschaft
  bereits  seit  Anfang  der  fünfziger  Jahre  nur  noch  als  „Konjunkturreserve“.

45  Vgl.  Quelle  Nr.  79.

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