Full text : Das Saarland zwischen Frankreich, Deutschland und Europa

tion.  Nach  dem  Zusammenbruch  der  Gauverwaltung,  der  Flucht  vieler  regionaler
Parteigrößen  und  der  Machtübernahme  durch  die  französische  Militärverwaltung
im  Juli  1945  war  die  politische  Zukunft  an  der  Saar  deshalb  wohl  noch  schwerer
abzuschätzen  als  andernorts.
Orientierungshilfen  wurden  in  dieser  Situation  dankbar  angenommen.  Dazu
zählten  anfänglich  beispielsweise  jene  Konzepte  für  die  Zukunft  der  Saar,  mit
deren  Ausarbeitung  der  Mouvement  pour  la  Libération  de  la  Sarre  (MLS)  noch
während  des  Krieges  begonnen  hatte.  Im  MLS  trafen  sich  Emigranten,  „naturalisierte“
  Saarländer  und  Franzosen  aus  den  benachbarten  Departements,  um  alte
Kontakte  zu  reaktivieren,  neue  zu  schaffen  und  öffentlich  für  eine  künftige  Anlehnung
  der  Saar  an  Frankreich  zu  plädieren.  Nach  Kriegsende  wurde  der  MLS  als
Mouvement  pour  le  Rattachement  de  la  Sarre  à  la  France  (MRS)  stärker  institutionalisiert.
  Der  MRS  arbeitete  mit  Mitgliedern  der  Besatzungsverwaltung  zusammen,
wurde  von  Grandval  aber  eher  auf  Distanz  gehalten.  Er  diente  als  Anlaufstelle  für
saarländische  Remigranten,  rekrutierte  Mitglieder  und  Sympathisanten  im  ganzen
Saarland  und  konnte  im  Jahr  1946  über  die  Listen  verschiedener  Parteien  sogar
nennenswerten  Einfluss  auf  die  neu  gewählten  Kommunalparlamente  gewinnen.
Alternative  -  mit  der  Zeit  auch  konkurrierende  -  Angebote  machte  die  französische
  Militärverwaltung  in  Saarbrücken.  Die  Feiern  zum  französischen  Nationalfeiertag
  am  14.  Juli  1946  in  Saarlouis,  die  von  der  Militärverwaltung  noch  in  Zusammenarbeit
  mit  dem  MRS  organisiert  wurden  und  Zehntausende  von  Saarländern
anzogen,  standen  symbolisch  für  das  Kooperationsangebot  der  französischen  Seite.
Die  Einrichtung  saarländischer  Verwaltungsstrukturen  und  die  für  September  1946
angesetzten  Kommunalwahlen  konnten  als  Angebote  der  Besatzungsverwaltung
zur  politischen  Mitarbeit  beim  Wiederaufbau  gelten.  Mitbestimmung  und
Eigen  Verantwortung  waren  nun  zumindest  auf  lokaler  Ebene  möglich  und  trugen
zur  Flerausbildung  politischer  Kommunikations-  und  Kooperationsformen  bei.
Eine  zentrale  Rolle  für  das  neu  erwachende  politische  Leben  an  der  Saar  spielten
  die  Remigranten,  die  schon  bald  nach  Kriegsende  aus  dem  Exil  ins  Saarland
zurückkehrten  und  in  vielen  Fällen  an  eine  frühere  politische,  gewerkschaftliche
oder  journalistische  Tätigkeit  anknüpfen  konnten.  Diese  Remigranten  unterschieden
  sich  in  ihrer  sozialen  Herkunft  und  in  ihrer  politischen  Vergangenheit  ebenso
wie  in  ihren  aktuellen  politischen  Ansichten.  Zu  ihnen  zählten  Politiker  aus  dem
katholischen  Widerstand,  nach  dem  13.  Januar  1935  exilierte  Befürworter  des
Status  quo,  verfolgte  Sozialdemokraten  und  Gewerkschaftler,  gut  situierte  und  einflussreiche
  Unternehmer,  aber  auch  neue  Aktivisten,  die  eng  mit  der  französischen
Besatzungsmacht  zusammenarbeiteten.  Die  Ende  1945  beschlossene  -  und  anfänglich
  scharfen  Kontrollen  unterworfene  -  Wiederzulassung  politischer  Parteien  bot
jenen  Kreisen  nun  besondere  Chancen.  Die  von  ihnen  unter  direktem  Einfluss  der
Saarbrücker  Besatzungsverwaltung  ins  Leben  gerufene  Parteienlandschaft  entsprach
  weitgehend  den  Vorstellungen,  welche  die  Alliierten  auch  in  anderen  Teilen

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