Full text : Das Saarland zwischen Frankreich, Deutschland und Europa

die  sich  die  zentralen  Aktivitäten  im  bundesdeutschen  Wiederaufbau  auf  ganz  andere
  Fragen  und  Regionen.  Eine  realistische  Betrachtung  der  ökonomischen  Gegebenheiten
  in  der  Bundesrepublik  ließ  die  Saar  im  Vergleich  zum  Ruhrgebiet  und  zu
anderen,  neu  entstehenden  wirtschaftlichen  Zentren  eher  in  den  Flintergrund
rücken.
Für  die  Politik  der  ersten  Bundesregierung  unter  Bundeskanzler  Konrad  Adenauer
  war  die  Saarfrage  vor  allem  deshalb  ein  besonders  schwieriger  Gegenstand,
weil  sie  im  Schnittpunkt  aller  wichtigen  Leitlinien  der  frühen  Außen-  und  Innenpolitik
  stand.'9  Dass  kein  organisierter  Widerstand  gegen  den  wirtschaftlichen  Anschluss
  der  Saar  an  Frankreich  im  Saarland  aufgetreten  war  und  dass  die  in  der
saarländischen  Verfassung  festgeschriebene  Teilautonomie  nicht  ganz  zu  Unrecht
auch  als  Wille  der  saarländischen  Bevölkerung  und  ihrer  politischen  Vertreter
dargestellt  werden  konnte,  gefährdete  den  nicht  zuletzt  an  das  Selbstbestimmungsrecht
  der  Völker  geknüpften  Alleinvertretungsanspruch  der  Bundesrepublik.  In  der
Auseinandersetzung  mit  Frankreich  galt  es,  eine  Balance  zu  finden  zwischen  der
bundesdeutschen  Haltung  in  der  Saarfrage  und  dem  grundsätzlichen  außenpolitischen
  Vorrang  einer  langfristigen  und  konstruktiven  Zusammenarbeit  mit  Frankreich
  im  Rahmen  europäischer  Integrationspolitik.  Schließlich  tangierte  die  Saarfrage
  das  -  Anfang  der  fünfziger  Jahre  noch  als  realistisch  betrachtete  -  Wiedervereinigungsgebot
  des  Grundgesetzes  als  zentrale  Basis  jeder  bundesdeutschen
Außenpolitik.
Zwischen  Einflussnahme,  Machtbehauptung  und  „  Politik  der  kleinen  Schritte  “
Die  Diskussion  über  die  Aufnahme  der  Saar  und  der  Bundesrepublik  als  assoziierte
Mitglieder  in  den  Europarat  stellte  den  Auftakt  für  eine  eigenständige  bundesdeutsche
  Saarpolitik  dar.29 30  Die  für  sich  allein  schon  erstrebenswerte  Aufnahme  der
Bundesrepublik  als  wichtiger  politischer  Schritt  auf  dem  Weg  zur  Anerkennung
und  Erweiterung  der  Souveränität  konnte  schließlich  nicht  zuletzt  durch  die  Saarfrage
  von  deutscher  Seite  sogar  noch  mit  Bedingungen  verknüpft  werden.  Dass  der
Bundeskanzler  sein  Plädoyer  für  einen  Europarats-Beitritt  vor  dem  Bundestag  mit
dem  Hinweis  auf  eine  Einladung  der  Alliierten  erklären  konnte,  stellte  einen
wesentlichen  innenpolitischen  Erfolg  dar.  Zwar  musste  man  die  gleichzeitige  Aufnahme
  des  Saarlandes  akzeptieren.  Es  blieb  der  Bundesrepublik  jedoch  genug
außenpolitischer  Spielraum,  um  unmissverständlich  deutlich  zu  machen,  dass  damit
weder  ein  politisches  Präjudiz  geschaffen  noch  die  bestehenden  Zustände  anerkannt
  würden.  So  gelang  es  der  Bundesrepublik,  die  juristische  und  völkerrechtliche
  Stellung  des  Saarlandes  entgegen  den  Zielen  der  französischen  Regierung
offen  zu  halten.

29  Vgl.  Quelle  Nr.  46.
30  Vgl.  Quelle  Nr.  43.

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