auch gegenüber der Öffentlichkeit immer ausdrücklicher auf der formal zutreffenden
Sicht, nach der eine Ablehnung des europäischen Statuts die Verlängerung
des Status quo ante, keinesfalls aber eine Veränderung der völkerrechtlichen Situation
zur Folge haben würde. Diese wenig hilfreiche und außerdem nur schwer
zu vermittelnde Position wurde erst nach dem Referendum aufgegeben, dann aber
überraschend schnell und deutlich. Schon unmittelbar nach der Verkündung des
Abstimmungsergebnisses, welches mit einer Mehrheit von zwei Dritteln gegen das
Statut ausgefallen war, rückte die französische Regierung von den meisten Grundlinien
ihrer bisherigen Saarpolitik ab und sagte ihre Bereitschaft zu neuen
Verhandlungen zu. Diese konnten nach Lage der Dinge für das Saarland kaum
anders enden als mit der Aufhebung der Wirtschaftsunion, der Aufgabe der Teilautonomie
und der Eingliederung in die Bundesrepublik.
Die französische Saarpolitik nach dem 23. Oktober 1955
Trotz ihrer auch öffentlich bekundeten Bereitschaft, dem Mehrheitswillen der saarländischen
Bevölkerung stattzugeben, vermieden die französischen Protagonisten
in den Monaten nach dem Referendum eine klare Aussage über ihre künftige Saarpolitik.27
Zwar wurde die grundsätzliche Bereitschaft zu neuen Verhandlungen
auch in internen Unterredungen mit den Bonner Gesprächspartnern signalisiert,
doch vermied die französische Regierung eine inhaltliche Präzisierung ihrer Erwartungen
vor den Neuwahlen zur französischen Nationalversammlung im Januar
1956. Eine eindeutige politische Stellungnahme schien zunächst auch nicht unbedingt
notwendig, da sich das innenpolitische Klima an der Saar nach dem Referendum
entspannte und sich die CVP bei den Landtagswahlen am 18. Dezember 1955
weitgehend stabilisieren konnte.
Auf der fachlichen Ebene innerhalb und zwischen den Pariser Ministerien
setzten dagegen schon unmittelbar nach dem Referendum hektische Aktivitäten
ein. Die möglichen Auswirkungen des Abstimmungsergebnisses wurden ebenso intensiv
und kontrovers diskutiert wie die Chancen und Risiken einer neu definierten
Saarpolitik.28 Umfassende Konzepte für künftige - vor allem wirtschaftspolitische -
Regelungen wurden dabei nicht erarbeitet, was sicherlich nicht zuletzt auch auf die
von politischer Seite gebotene Zurückhaltung zurückzuführen war. Allerdings
zeichnete sich bereits Ende 1955 eine - mit einer Vielzahl von Sachargumenten
und politischen Stellungnahmen untermauerte - defensive Verhandlungsstrategie
ab, die auf eine weitestmögliche Verteidigung eigener Interessen abzielte.
Daraus ergab sich jene charakteristische Haltung, welche die französische Seite
bei den ab Februar 1956 geführten Verhandlungen über die Lösung der Saarfrage
an den Tag legte. Die bereits erklärte Zustimmung zu einer Eingliederung des Saar-27
Vgl. Quelle Nr. 87.
28 Vgl. Quelle Nr. 89.
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