Full text : Das Saarland zwischen Frankreich, Deutschland und Europa

Nr.  95
Parteientwicklung  und  soziales  Leistungsniveau

Das  Interview  des  saarländischen  Rundfunks  mit  dem  Vorsitzenden  der  saarländischen
  SPD  am  31.  August  1957  verdeutlicht,  wie  die  saarländischen  Sozialdemokraten
  erstmals  im  Umfeld  der  Bundestagswahl  dieses  Jahres  mit  der  in  der
Bundesrepublik  bereits  seit  längerem  diskutierten  grundsätzlichen  Kritik  an  ihrer
Gesellschaftskonzeption  konfrontiert  wurden.  In  seiner  Erwiderung,  die  erneut  an
der  Erhaltung  des  sozialen  Besitzstandes  ansetzt,  positioniert  Kurt  Conrad  die
saarländische  SPD  als  Sachwalter  saarländischer  Interessen  und  greift  die  innerparteiliche
  Programmdebatte  auf  die  bereits  auf  das  Godesberger  Programm  von
1959  hinweist.
Interview  des  Saarländischen  Rundfunks  mit  dem  saarländischen
Arbeitsminister  und  SPD-Vorsitzenden  Kurt  Conrad.
31.8.1957
Archives  de  l’Occupation  Française  en  Allemagne  et  en  Autriche  Colmar,  HCF  Sarre,
Cabinet  69.
Sprecherin:
Herr  Minister,  Sie  halten  es  für  wichtig,  noch  einmal  an  den  prekären  Moment  zu
erinnern,  in  dem  der  Bundesarbeitsminister  Storch  gezwungen  war,  Ihnen  zu
schreiben:  Die  Abmachung  über  die  Erhaltung  des  sozialen  Besitzstandes  für  die
Saarbevölkerung  doch  in  der  Öffentlichkeit  nicht  mehr  zu  erwähnen.
Conrad:
Ja,  das  war  eine  tolle  Sache.  Während  ich  mit  dem  Bundesarbeitsminister  Storch
einig  geworden  war,  die  Sozialleistungen  im  Saarland  bei  der  Eingliederung  nicht
zu  schmälern,  wurde  er  von  der  Mehrheit  des  Bundeskabinetts  einschließlich  dem
Wirtschaftsminister  Erhard  gezwungen,  mir  obigen  Brief  zu  schreiben.
[...]
Sprecherin:
Herr  Erhard  konnte  aber  immerhin  auf  die  70  %ige  Erhöhung  der  Renten  in  der
Bundesrepublik  hinweisen,  die  durch  seine  Wirtschaftspolitik  ermöglicht  worden
seien.
Conrad:
Selbstverständlich  ist  eine  gute  Wirtschaftspolitik  die  Grundlage  einer  guten  Sozialpolitik.
  Nach  den  Ausführungen  des  Professors  geht  es  aber  der  deutschen

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