Full text : Das Saarland zwischen Frankreich, Deutschland und Europa

Nr.  93

Die  Gewerkschaften  und  die  Sicherung
sozialpolitischer  Leistungen
Die  Sozialpolitik  war  eines  der  wichtigsten  Aushängeschilder  der  teilautonomen
Hoffmann-Regierung  gewesen.  Vor  dem  Referendum  hatte  die  Bundesregierung
der  Saar-Bevölkerung  die  Wahrung  der  sozialpolitischen  Leistungen  zugesagt,  die
in  Sozialversicherung,  Kriegsopferversorgung  und  vor  allem  der  Familienpolitik
teilweise  beträchtlich  über  dem  Niveau  der  Bundesrepublik  lagen.15  Nach  der  Eingliederung
  der  Saar  in  die  Bundesrepublik  stützte  Bundesfamilienminister  Franz
Josef  Wuermeling  diese  Positionen  sowie  die  Übernahme  einiger  Regelungen  auf
Bundesebene  weiter,  konnte  sich  damit  aber  weder  in  der  Verwaltung  noch  innerhalb
  seiner  Partei,  der  CDU,  mehr  durchsetzen.  Der  Artikel  in  der  Zeitung  des
Deutschen  Gewerkschaftsbundes  Saar  (DGB  Saar)  zeigt  den  Unmut,  den  diese  sich
bald  abzeichnende  Entwicklung  in  der  Bevölkerung  an  der  Saar  hervorzurufen
begann.  Ansatzweise  spiegelte  sich  darin  auch  bereits  eine  Kehrtwende  in  der
Bewertung  des  teilautonomen  Saarstaates,  den  die  Mehrheit  im  DGB  in  den  Jahren
vor  der  Abstimmung  erbittert  bekämpft  hatte.
Zeitungsartikel  aus  dem  „Saar-Echo“.
24./31.12.1956
Wenig  Vertrauen  zu  Bonn.  DGB-Saar  entschieden  gegen  Aufrechnung
sozialer  Leistungen  —  Zweite  Etappe  des  Kampfes  beginnt.
Vom  Beginn  der  Entwicklung  an  stand  der  DGB-Saar  an  der  Spitze  des  Kampfes
um  die  sozialen  Errungenschaften  an  der  Saar.  Sein  Wirtschafts-  und  Sozialprogramm,
  das  im  März  auf  dem  konstituierenden  Bundeskongreß  in  St.  Ingbert
einmütig  gutgeheißen  wurde,  war  der  erste  große  Vorstoß.  Wäre  er  nicht  erfolgt,
hätten  die  Beauftragten  des  DGB-Saar  nicht  seitdem  unablässig  die  Forderungen
der  Arbeitnehmer  bei  allen  mit  der  Zukunft  der  Saar  befaßten  amtlichen  Stellen  und
Institutionen  im  Saarland  und  in  der  Bundesrepublik  mit  Entschiedenheit  vertreten,
würden  vielleicht  in  wenigen  Wochen  schon  erhebliche  Abstriche  an  unseren
sozialen  Leistungen  erfolgen  können.
Daß  sie  vorerst  erhalten  bleiben,  ist  also  kein  Verdienst  der  Bonner  Regierungsstellen,
  die  in  letzter  Minute  noch  Vereinbarungen  zwischen  dem  Bundesarbeitsminister
  und  dem  saarländischen  Arbeitsminister,  die  einige  verheißungsvolle  An-15
 Siehe  dazu  umfassend  H.-C.  HERRMANN,  Sozialer  Besitzstand;  zum  breiteren  Zusammenhang
dieser  Politik  HUDEMANN,  Sozialpolitik;  zu  den  einzelnen  Teilbereichen  s.  Geschichte  der
Sozialpolitik,  Bd.  2;  zur  Gewerkschaftsentwicklung  vgl.  auch  BUSEMANN,  Kleine  Geschichte.

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