Full text : Das Saarland zwischen Frankreich, Deutschland und Europa

Nr.  92
Protest  gegen  die  Verpachtung  der  Warndt-Kohlenfelder

Der  Protest-Aufruf  im  ,,Saar-Echo"  vom  23.  April  1956  richtet  sich  gegen  die  zugleich
  im  Rahmen  der  Luxemburger  Saar-Verhandlungen  diskutierte  Lösung  der
Warndt-Frage  in  Form  einer  mittelfristigen  Verpachtung  von  saarländischen
Kohlefeldern  an  das  französische  Bergbauunternehmen.  Mit  dem  Aufruf  wurde  ein
bereits  seit  längerem  in  den  innersaarländischen  Diskussionen  über  die  Teilautonomie
  und  das  Verhältnis  zu  Frankreich  instrumentalisierter  Konfliktstoff  aufgegriffen.
  Der  Aufruf  steht  gleichfalls  in  engem  Zusammenhang  mit  einer  zunehmenden
  Verhärtung  der  in  diesem  Punkt  von  Frankreich,  der  Bundesrepublik  und  der
Saar-Regierung  vertretenen  Positionen  und  mit  einer  Zuspitzung  der  innenpolitischen
  Situation  im  Saarland  im  Vorfeld  der  Kommunalwahlen.  Deutlich  wird  an
diesem  Protestaufruf  aber  auch,  wie  durch  die  Auswahl  der  in  den  Luxemburger
Verhandlungen  diskutierten  Themen  der  Stellenwert  der  Steinkohle  als  Garant  der
regionalen  Prosperität  gestärkt  wurde.14
Zeitungsartikel  aus  dem  „Saar-Echou.
23.4.1956
Hände  weg  vom  Warndt!
Mitbürger!
In  einer  Zeit  schicksalhafter  Entscheidungen  rufen  wir  auf  zum  Protest.  Die  Regierungen
  in  Paris  und  Bonn  verhandeln  über  die  Zukunft  der  Wamdtkohlenfelder.
Alle  Anzeichen  deuten  darauf  hin,  daß  um  eines  faulen  Kompromisses  willen  der
Kohlenreichtum  der  Saar  verschachert  werden  soll.  Der  Saarbergmann  und  mit  ihm
die  gesamte  Bevölkerung  sollen  auf  ewige  Zeit  zur  Reparationsleistung  für  das
ganze  deutsche  Volk  und  den  verlorenen  Krieg  verpflichtet  werden.
Mit  dem  Warndt  aber  lebt  und  stirbt  das  Saarland  und  seine  Wirtschaft
Die  Verpachtung  der  Warndtkohlenfelder  würde  bedeuten,  daß  in  absehbarer  Zeit
tausende  von  Arbeitnehmern  an  der  Saar  mit  ihren  Familien  wandern  müßten.  Du
und  deine  Kinder  müßten  jenseits  der  Grenze  um  Arbeit  betteln.
Schluss  mit  der  Ausbeutung
Schon  jetzt  muß  das  Saarland  jährlich  den  Verlust  von  rund  4  Milliarden  Franken
an  Steuern  und  Abgaben  hinnehmen,  solange  der  Warndt  von  Frankreich  ausge¬14
 Zum  Zusammenhang  s.  Hahn,  Strukturwandel,  bes.  S.  61  ff.;  Heinen,  Saarjahre,  bes.
S.  488  ff.

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