Nr. 85
Evangelische Kirche im Abstimmungskampf
Die Kirchenleitungen auf katholischer und evangelischer Seite hielten sich, anders
als die katholischen Bischöfe vor der Saar-Abstimmung 1935, mit kirchenamtlichen
Empfehlungen für die Abstimmungsentscheidung 1955 zurück. Die Fronten von
Gegnern und Befürwortern der Politik Frankreichs und der Autonomie-Regierung
gingen aber auch durch die Kirchen und schlugen sich in zahlreichen Erklärungen
nieder. Das Flugblatt von 34 evangelischen Pfarrern gegen das Saar-Statut stellt
einen Zusammenhang her zwischen theologischen Überlegungen, deutscher Verantwortung
für das Dritte Reich, nationaler Politik und Abstimmungsentscheidung.
Es zeigt, dass die Abstimmungsfronten wenig zu tun hatten mit der Frage einer
Kooperation mit Frankreich in der beginnenden europäischen Integration. Der
Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland Heinrich Held erklärte am
22. Oktober 1955 im Saarländischen Rundfunk, die Kirchenleitung habe eine
positive oder negative Stellungnahme abgelehnt.22
Flugblatt von 34 evangelischen Pfarrern zur Ablehnung des Saar-Statuts 1955.
[Oktober 1955]23
Altmeyer, Saardiözese, S. 274.
Pfarrer rufen zum Nein auf
„Herr, Gott, Du bist unsere Zuflucht für und für.“ In dieser Gewißheit gehen wir
dem 23. Oktober 1955 entgegen. Es ist ein Tag schwerer und ernster Entscheidung
für unsere Bevölkerung an der Saar, für unser deutsches Volk, für Frankreich, für
Europa und auch für unsere Kirche. Gott hält sie alle in Seiner Hand um Seines
Wortes willen. Darum bitten wir miteinander und füreinander: Laß unseren Gang
gewiß sein in Deinem Wort! Sein Wort hat ewigen Grund.
Wir erkennen die zehn Jahre währende Trennung von unserem Volke als Gottes
Schickung an. Wir tragen an der Schuld unseres Volkes mit. Diese Schuld wird
nicht dadurch von uns weggenommen, daß auch andere Völker an uns schuldig geworden
sind. Unsere Schuld kann nur getilgt werden, wenn wir sie unter das Kreuz
Jesu Christi bringen und von dort das befreiende Wort der Vergebung empfangen.
Gottes heiliger, gnädiger Wille hat uns in unser deutsches Volk hineingeboren
werden lassen. Das ist Seine Wahl, nicht unsere Wahl. Daher haben wir keine Frei¬22
Zum Zusammenhang siehe Altmeyer, „Saardiözese“; R. Schmidt, Saarpolitik, Bd. 3,
S. 312 ff., Zitat Heinrich Held dort, S. 327.
23 Verteilt und in der Presse publiziert am 22.10.1955.
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