Prinz Karneval - ein komischer Titel in einer Zeit, da Worte wie „Demokratie,
Autonomie, Joho und Haut Commissariat“ Begriffe geworden sind. Jawohl, ein
Prinz ist er, wenn auch ein närrischer, und wir alle, die wir nun seit fast fünf Jahren
aus geduldeten Mitläufern geduldige Demokraten oder meinentwegen auch Nachläufer
geworden sind, wir erkennen für diese drei Tage seine Herrschaft an. Denn
er ist der einzige, der das gibt, was er verspricht, - Frohsinn und Humor -, und der
uns - da gleicht er so ganz seinen weltlichen Regierungskollegen - am Ende seiner
Regentschaft mit Katzenjammer und leerem Geldbeutel zurückläßt.
Das nur zur Aufklärung für die jüngere Generation und politisch etwas zurückhinkenden
Zeitgenossen. Wo aber war er, Prinz Karneval, in den letzten 20 Jahren
und warum kommt er erst jetzt?
Mit der Jahrhundertteilung, wie viele zu glauben wissen, und der Annahme, Prinz
Karneval stände etwa hinter der saarländisch-französischen Autonomieverhandlung,
um nach Abschluß derselben hier eine lächerliche (Druckfehler, muß närrische
heißen. Die Red.) Regierung zu bilden, hat das nichts zu tun. Sein Besuch gilt
ja, wie aus verläßlicher Quelle seitens des Informationsamtes unserer Stadt verlautet,
nur Otzenhausen und seinem eingemeindungsreifen Nachbarorte sowie der
nahen Umgebung.
Wo war ER also? Diese Frage ist einfach zu beantworten. Er weilte, wo so viele
seiner fürstlichen Kollegen zur Zeit sind, - im Exil. Gleich als er Hals über Kopf,
um nicht vom Aschermittwoch und den folgenden 40 ihm so gamicht liegenden
Tagen überrumpelt zu werden, im Jahre 1930 uns verließ, begab er sich, wie erst
jetzt bekannt wurde, an die Ostermannshöhe. Dort sah er den kommenden Ereignissen
entgegen, bis ihn ein größerer Narr drei Jahre später in der Regierung
ablöste. Nun war seine Zeit, die Zeit des natürlichen und ungezwungenen Frohsinns,
zunächst vorbei. - Es durfte nur noch auf Befehl und dann auch nur in
Streichholzlänge gelacht werden.
Aber noch einmal kam Prinz Karneval zu uns. Als Westwallarbeiter verkleidet
tauchte er nur für wenige Stunden auf und als er am Horizont die Silhouette jener
kommenden Zeit sah, verschwand er in nicht luftgefährdete Zonen. Jetzt hat er aus
Trümmern sein närrisches Reich wieder errichtet und wir alle freuen uns, daß
gerade sein erster offizieller Besuch uns gegolten hat.
Gestatten wir uns jetzt nach diesen erläuternden Worten zum heutigen Besuch
Seiner Durchlaucht, des Prinzen Karneval, einen kurzen Rückblick über die Geschehnisse
in Otzenhausen und seiner Umgebung. Vergessen wollen wir hierbei all
das Traurige der letzten Jahre und sehen wir die Welt heute mal durch die rosarote
Brille. (Als überparteiliches Organ ist mit rosarot selbstverständlich keine Parteifarbe
gemeint. Die Red.) Streifen wollen wir bei dieser Rundschau nur das Wesentliche
in großen Zügen. Details bleiben den übrigen für ihren Redaktionsteil
verantwortlichen Mitarbeitern Vorbehalten.
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