Full text : Das Saarland zwischen Frankreich, Deutschland und Europa

auf  Tausch?  Das  Herz  schlägt  heftig  beim  Angebot  des  kleinen  Krämerladens  im
Rucksack.  Stolz  und  Scham  drängen  sich  auf.  Es  würgt  einen  im  Halse.  Jetzt  nur
stark  bleiben!  Tauschware  ist  nicht  begehrt.  Tapfer  nimmt  die  junge  Mutter  die
kleine  Last  ihres  Rucksackes  wieder  auf.  Sie  denkt  an  die  hungrigen  Münder
daheim.  Stolz  ansonsten  in  Ehren.  Der  Hunger  hat  ihn  verdrängt.  Und  so  klopft  sie,
einer  Ablehnung  gewärtig,  an  die  nächste  Tür.  Hier  hat  man  Mitleid  mit  der  jungen
Frau,  läßt  sie  willig  etwas  von  ihrem  Schicksal  erzählen,  das  das  gleiche  von  vielen
Frauen  ist,  die  in  der  Stube  mit  den  niederen  Deckenbalken  gesessen  haben,
gestern,  vorgestern  und  all  die  langen  Wochen  und  Monate  hindurch.  Man  gibt  ihr
ein  paar  Kartofeln  [sic],  so  viel,  wie  zwei  verschaffte  Frauenhände  umschließen,
ein  paar  Grütze,  ein  Ei.  Nicht  viel.  Aber  genug,  um  ein  banges  Herz  zu  beglücken
und  stark  zu  machen.
[...]
Es  ist  ein  weiter  Weg.  Die  Last  drückt.  Kartoffel  [sic]  sind  schwer,  sehr  schwer.
Der  Rücken  schmerzt,  die  Arme  schmerzen,  die  Füße.  Zur  Bahn  ist  noch  so  weit.
Wenn  die  Kinder  nur  mit  dem  Wägelchen  daheim  am  Bahnhof  warten.  Ja,  die
Kinder!  Sie  werden  ihre  Suppe  gelöffelt  haben  zu  Mittag.  Und  heute  abend  das
Brot  essen,  dann  werden  sie  erwartungsvoll  dreinschauen,  bis  der  Zug  ankommt.
Und  wenn  sie  einen  gefüllten  Rucksack  sehen,  werden  sie  ein  Rennen  laufen  durch
die  Unterführung,  um  gemeinsam  die  kostbare  Fracht  auf  dem  Handwagen  zu
verladen.
Mit  diesen  Gedanken  um  Daheim  schreitet  die  Frau  wacker  aus,  wenn  auch  gebückt
  unter  der  zusammengetroßten  Last  auf  der  schnurgeraden  Fahrstraße.  Am
Bahnhof  beginnt  eine  neue  Plackerei.  Der  Abend  mit  seiner  Kühle  und  Regen  ist
hereingebrochen.  Noch  zwei  geschlagene  Stunden  verbleiben  bis  zum  nächsten
Zug.  Der  Marsch  hat  einem  warm  gemacht.  Immer  mehr  Menschen  kommen  heran
mit  Koffern,  Körben,  Taschen  und  Rucksäcken.  Man  ermißt  an  ihren  Lasten,  ob
der  Marsch  über  Land  mehr  oder  weniger  erfolgreich  war.  Entsprechend  ist  die
Stimmung,  auch  über  die  Bauersleute  auf  den  Dörfern.
Endlich!  Der  Zug  kommt.  Der  kaum  Rücksichten  kennende  Sturm  nach  einem
Platz  setzt  ein.  Männer,  Frauen,  Mädchen,  Kinder  mit  verbissenen  Gesichtem,
wirren  Haarschöpfen,  zerknüllten  Mänteln  füllen  die  Abteile.  Mittendrin  sitzt  eingeklemmt
  auf  ihrem  Rucksack  die  junge  Frau  von  heute  früh,  die  sich  davor
scheute,  einen  Marsch  über  Land  zu  machen.  Sie  scheint  trotz  aller  Anstrengung,
aller  Enttäuschung  zufrieden  mit  sich  und  ihrem  wenigen  Erfolg.  [...]

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