Die deutsche Bourgeoisie ist aber zum Unglück des eigenen Volkes und der Völker
Europas immer den anderen Weg gegangen, den der kriegerischen Eroberung, den
der Regelung wirtschaftlicher Konflikte durch Anwendung von Waffengewalt.
Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat sich das biblische Wort: „Wer zum
Schwert greift, soll durch das Schwert umkommen“ an einem Volke drastischer
erfüllt als am deutschen.
Die Größe der Katastrophe, die uns betroffen hat, ist bestimmt durch das ihr vorausgegangene,
ans Dämonische grenzende Aufgebot aller materiellen und geistigen
Kräfte im Dienste der Zersetzung der moralischen und wirtschaftlichen Basis
unseres Volkes. Der Nationalsozialismus war der machthungrige Organisator einer
Katastrophe, von der sich erst spätere Generationen eine rechte Vorstellung zu
machen vermögen. [...]
So halten wir denn die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus als die
erste Voraussetzung für die Weckung neuer Kräfte im Dienste des Neubaues einer
anderen Gesellschaftsordnung. Denn auch darüber muß von Anfang an absolute
Klarheit bestehen. Der deutsche Kapitalismus und sein staatliches Zwangssystem
haben nicht nur eine zeitliche Niederlage erlitten, von der sie sich nach einer entsprechenden
Atempause wieder erholen können, oh nein, Nationalsozialismus und
Kapitalismus müssen begreifen, daß es von dieser Niederlage auch nach einer noch
so langen Erholungspause keine Wiederauferstehung mehr gibt. [...]
Ist es nicht ein Trost und eine Verpflichtung zugleich, sich in dieser trüben Zeit, da
die Welt überschattet ist von den furchtbaren Gewalttaten, die in deutschem Namen
durch den Nationalsozialismus begangen worden sind, daran zu erinnern, daß die
Schöpfung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Theorien, die im gegenwärtigen
Evolutionsprozeß ihre materielle Bestätigung finden, in Deutschland ihren
Ausgang nahm? Wir bekennen uns heute mit dem Stolz, den wenigstens die Arbeiterbewegung
unseres Landes zu bekunden das Recht hat, zu den Schöpfern des
wissenschaftlichen Sozialismus, den Marx und Engels, zu den Vorkämpfern der
modernen Arbeiterbewegung in unserem Lande, den Lasalle [sic], Liebknecht und
Bebel, die nicht nur der deutschen, sondern auch der internationalen Arbeiterbewegung
Inbegriffe sittlicher und geistiger Größe und politischen Klarblicks geblieben
sind. Und wir Sozialdemokraten insonderheit wollen uns gerade heute daran
erinnern, daß uns eine an Tradition reiche Geschichte verpflichtet, der schaffenden
Welt und damit dem ganzen Volke der treue Diener und Führer zu sein, den es jetzt
in den schwersten Stunden seines Seins notwendiger hat denn je. Dem Nationalsozialismus
war es möglich, die sozialistische Idee in Deutschland für ein gutes
Jahrzehnt zu diffamieren und das versklavte Volk auf die schiefe Ebene des grenzenlosen
Machtrausches zu zwingen. [...]
Der Sozialismus darf für uns kein Traum sein, der erhebende Feierstunden der
menschlichen Seele erfüllt. Der Sozialismus ist harte Wirklichkeit geworden. Vom
Diskussionsgegenstand des Studierzimmers und der politischen Auseinanderset¬311