Full text : Das Saarland zwischen Frankreich, Deutschland und Europa

Nr.  20
Gewerkschaftsaufruf  zur  ersten  Nachkriegs-Maifeier

Bei  der  ersten  Nachkriegs-Maifeier  1946  stand  sowohl  im  Aufruf  der  Einheitsgewerkschaft
  vom  27.  April  wie  in  der  Rede  des  Vorsitzenden  der  Einheitsgewerkschaft
  der  Eisenbahner  und  Postler  Eduard  Weiter  am  1.  Mai  die  Einheit  der
Arbeiterbewegung  im  Mittelpunkt.  Die  Rückbesinnung  auf  die  Spaltung  vor  1933
war  typisch  für  die  Gewerkschaftsdiskussion;  der  Verweis  darauf,  dass  die  anderen
Völker  Europas  unter  dem  Krieg  zu  sehr  gelitten  hatten,  um  jetzt  Deutschland  zu
helfen,  war  im  Nachkriegsdeutschland  dagegen  eher  selten.  Die  Mitsprache-  und
Mitbestimmungsforderungen  gegenüber  den  Arbeitgebern  standen  in  der  deutschen
sozialpolitischen  Tradition  der  Weimarer  Republik;  sie  widersprachen  jedoch  französischen
  Betriebsführungsprinzipien  und  sollten  im  Saarland  rasch  zu  Konflikten
führen.  Dagegen  verfügte  die  Besatzungsmacht  in  der  französischen  Zone  außerhalb
  des  Saarlandes  (Baden,  Rheinland-Pfalz,  Württemberg-Hohenzollern),  wo  sie
nicht  wie  an  der  Saar  die  dauerhafte  Führung  der  Schwerindustrie  beanspruchte,
im  Rahmen  ihrer  Dekartellisierungs-  und  Demokratisierungspolitik  sehr  weitgehende
  Mitbestimmungsregelungen.4
Aufruf  der  Einheitsgewerkschaft  zum  1.  Mai  1946
in  der  „Neuen  Saarbrücker  Zeitung“.
27.4.1946
Aufruf!
An  die  werktätige  Bevölkerung  des  Saargebietes!
Arbeiter,  Angestellte,  Beamte,  Techniker,  Landarbeiter  und  Bauern!
Nur  noch  einige  Tage  trennen  uns,  wo  Millionen  Werktätige  der  ganzen  Welt  zum
60.  Male  den  1.  Mai  als  Kampftag  feiern.  Seit  60  Jahren  ist  dieser  Tag  für  die  Arbeiterbewegung
  ein  Tag  der  Bekundung  der  brüderlichen  Solidarität  der  Arbeiter
aller  Länder,  ein  Tag  des  Kampfes  für  Frieden  und  Völkerverständigung  und
sozialen  Fortschritt.
Für  die  Werktätigen  an  der  Saar  ist  der  1.  Mai  1946  von  besonderer  geschichtlicher
Bedeutung.  Nach  11  Jahren  Entrechtung  und  Hitlerterror  begeht  das  schaffende
Saarvolk  zum  ersten  Male  eine  gemeinsame  I.  Maifeier  unter  Leitung  der  Einheitsgewerkschaft
  der  Arbeiter,  Angestellten  und  Beamten.

4  H.-C.  Herrmann,  Sozialer  Besitzstand;  Lattard,  Gewerkschaften;  Hudemann  u.
D.  HüSER,  Französische  Besatzungszone;  HUDEMANN,  Sozialpolitik  u.  WOLFRUM,  Französische
Besatzungspolitik.

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