Full text: Das Saarland zwischen Frankreich, Deutschland und Europa

Nr. 18 
Johannes Hoffmann und die Einheitsgewerkschaft 
Dass die Einheitsgewerkschaft tatsächlich hart umstritten war, zeigt der offene 
Brief von Johannes Hoffmann drei Wochen später. Der spätere Ministerpräsident 
kritisiert in aller Deutlichkeit die - der gemeinsamen alliierten Politik im Nach¬ 
kriegsdeutschland entsprechende - Entscheidung Frankreichs, die Gründung 
christlicher Gewerkschaften nicht zuzulassen. Hoffmann verzichtet zwar auf 
weiteren Widerstand in dieser Frage, unterstreicht jedoch um so deutlicher seine 
Forderung nach parteipolitischer Neutralität der Einheitsgewerkschaft, schreibt 
der Besatzungsmacht die politische Verantwortung für die Überwachung dieser 
Neutralität zu und wirbt um Unterstützung für seine Konzeption eines Wieder¬ 
aufbaus im Saarland. 
Offener Brief des CVP-Vorsitzenden Johannes Hoffmann 
in der „Neuen Saarbrücker Zeitung“. 
30.1.1946 
Offener Brief an die christlichen Arbeiter. 
Ein ernstes Wort in ernster Stunde 
Liebe Freunde! 
Wenn ich mich heute direkt an euch wende, so tue ich es gleichermaßen aus 
eigenem Bedürfnis wie im Auftrag eurer Freunde und Vertrauensmänner, die ges¬ 
tern auf Einladung von Jakob Franzen zu einer letzten Besprechung vereint waren, 
um der unmöglichen Situation ein Ende zu bereiten, die nun schon allzulange 
Ungewißheit und Unruhe in euren Reihen verursacht. Meine Solidarität mit den 
christlichen Gewerkschaften des Saargebietes, die keiner von euch wohl anzwei¬ 
felt, wie meine Teilnahme an dem Geschick der Saararbeiterschaft drücken mir die 
Feder in die Hand, um euch einen Weg zu zeigen, der aus dem Wirrsal der 
gegenwärtigen Lage herausführen soll. 
Seit einigen Tagen steht fest, daß die Genehmigung zur Bildung christlicher Ge¬ 
werkschaften zur Zeit nicht zu erhalten ist. Die Gründe dafür hier im einzelnen 
darzulegen, würde zu weit führen. 
Wir stehen also heute vor der Tatsache, die allen Freunden der christlichen Ge¬ 
werkschaftsbewegung unendlich schmerzlich ist. Wer gerade in den letzten 
Wochen und Monaten feststellen durfte, mit welcher Treue und Anhänglichkeit die 
alten christlichen Gewerkschaftler der Saar an den Idealen ihrer einst so blühenden 
Bewegung hängen, trotz elfjähriger Vergewaltigung - oder richtiger: gerade 
deshalb! -, der begreift den Schmerz, der heute in den Herzen dieser Getreuen 
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