den Eisen- und Stahlstandorten von Burbach, Völklingen und Neunkirchen. Der
nach 1945 ausgetragene Streit um die Rückkehr Hermann Röchlings in „sein“
Völklinger Werk hatte hier seinen Ursprung. Zudem hatte die offensichtliche Notwendigkeit
grenzüberschreitender Zusammenarbeit in der Schwerindustrie nicht
nur produktionstechnische, sondern immer auch politische Implikationen. Die nach
1945 ausgetragenen Diskussionen über die Integration der Saar in die Montanunion
oder die Sitzverteilung in der Beratenden Versammlung der Europäischen Gemeinschaft
für Kohle und Stahl (EGKS) hatten hier ihren eigentlichen Ursprung.
ln mittelfristiger Perspektive wurde die Saarfrage mit den friedensvertraglichen
Regelungen des Ersten Weltkriegs zu einem Problemfall der europäischen Geschichte.
Das Saar-Statut des Versailler Vertrages schuf mit dem „Saargebiet“ eine
administrative Einheit, innerhalb derer sich erstmals Ansätze zur Ausbildung einer
regionalen, auf demokratischen Strukturen und Mitbestimmung basierenden politischen
Kultur entwickelten. Neben Deutschland und Frankreich trat nun die Saar
selbst als eigenständiger politischer Akteur, dessen Handeln jedoch an die Zuständigkeit
internationaler Institutionen unter der Verantwortung des Völkerbundes
gebunden blieb. Diese Intemationalisierung des Saarkonflikts sollte maßgeblichen
Einfluss auf die jeweiligen nationalen Strategien haben. Spätestens mit der Machtübernahme
der Nationalsozialisten in Deutschland wurde die Saar zum Gegenstand
einer aggressiven völkischen und rassistischen Politik, die - wie die deutsche
Geschichtswissenschaft im Gegensatz zur zeitgenössischen französischen Perzeption
erst in jüngerer Zeit entdeckte - auch an der Westgrenze des Deutschen
Reiches verheerende Folgen haben sollte (Wolfgang Freund).
Die Erforschung der Nachkriegsgeschichte des Saarlandes als Grenzland mit
wechselvollem und vielschichtigem historischen Hintergrund erfordert eine Verknüpfung
unterschiedlicher methodischer Ebenen. Von besonderer Bedeutung
waren die unmittelbaren Auswirkungen der deutsch-französischen Beziehungen auf
den Grenzraum. Die Gegensätze zwischen beiden Nationalstaaten mit ihren jeweiligen
inneren Problemen wirkten so stark auf die Saarregion zurück wie nirgendwo
sonst in Deutschland - nicht einmal in den Ländern der eigentlichen französischen
Besatzungszone zwischen 1945 und 1949. Die ersten anderthalb Nachkriegsjahrzehnte
an der Saar sind in vielen Bereichen kaum verständlich ohne eine genaue
Kenntnis der - häufig mittel- und langfristigen - sachlichen Zusammenhänge auf
nationalstaatlicher und innenpolitischer Ebene. Die Sonderstellung der Saar im
Rahmen der deutschen Nationalstaatsbildung, die in einigen Bereichen bis heute
nachwirkt, wurde spätestens nach 1945 für alle Welt sichtbar. Die gesellschaftliche
Verarbeitung jener Konflikte, die durch die stürmische Industrialisierung ausgelöst
worden waren und die den Mythos von „Saarabien“ - als Bezeichnung für die autoritäre
Herrschaft von Unternehmen - in der Zwischenkriegszeit zu einem Schlagwort
nationalsozialistischen Machtstrebens gemacht hatten, war nach dem Zweiten
Weltkrieg noch lange nicht abgeschlossen. Dabei deckten sich die Muster gesell¬18