Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

schlitzt sie dessen Kleidung auf, damit sie diese %ur Tarnung und zum Schutz auf der Suche nach ihrem 
Mann anfehen kann. 
Auf ihrer Suche erhält sie einen Hinweis auf die vermeintliche Pilgerreise Herpins. Da¬ 
raufhin nimmt sie ein Schiff nach Jerusalem, nach einem Schiffbruch landet sie in Toledo. 
An diesem Königshof arbeitet sie viele Jahre334 als Küchenjunge. Während der feindliche 
König Marsilius mit seinem Heer und dem Riesen Luziant vor Toledo lagert, sucht der 
König einen Ritter, der sich gegen den Riesen behaupten kann. Luziant fordert die Kö¬ 
nigstochter Florie zur Frau. Auf Geheiß Gottes schlägt Adelheit dem Riesen die Beine 
und auch den Kopf ab. Als Beweis ihrer Tat schneidet sie die Zunge ab. Nach der Tötung 
Luziants macht ein toledanischer Ritter der Herzogin den Ruhm für die Heldentat streitig, 
indem er dessen Kopf als Beweis vorzeigt (Bl. 26—331).354 355 
(Bl. 25VAbb. 11): Auf dem ersten Bildviertel rudert die Herzogin in Männerkleidung nach Toledo. 
Vor ihr liegt ihr künftiger Arbeitsplatz die Küche des Talastes, die nach zwei Seiten hin durch Kundbo¬ 
genarkaden geöffnet ist. In der Küche rührt der Koch in einem großen Kessel und hinter ihm lodert das Feuer. 
Der Illustrator trennte die beiden nebeneinander liegenden Bilder durch einen Turm, der sich in die 
Stadtmauer der rechten Szene einfügt. Vor der mächtigen Stadtmauer Toledos stehen als Kückenfigur 
König Marsilius, der mit der Krone über dem spitzen Heidenhut gezeichnet wurde, neben ihm der Kiese 
Luziant und sein Heer. Die Wappenfigur auf seinem Banner ist offenbar ein schreitender Löwe. Luziant 
ist in einen Kettenhamisch mit halbem Beinkleid und Scheiben an den Lllbogen gekleidet. Seine Schul¬ 
tern sind durch Schulterplatten, seine Brust durch einen gewölbten Bruspanzer geschützt, der mit über¬ 
kreuz laufinden Kiemen am Kücken zusammengehalten werden. Unter seinem Helm sieht die große Ha¬ 
kennase hervor. Von einem Erker aus beobachten der König von Toledo und seine Tochter Florie die Be¬ 
lagerung. 
Die Miniatur zeigt Adelheids Kampf mit dem Kiesen vor einer kargen Landschaft. Sie stürmt von 
links auf den Biesen zu, erhebt ihr Schwert über den Kopf und setzt zpm tödlichen Schlag an. Links ist 
der Riese diagonal dargestellt, der durch einen Schwerthieb Adelheids zu Fall gebracht wurde. Er versucht 
sie mit seinem weit ausholenden Schwert zu treffen. Seine Beine sind unterhalb der Knie bereits verletzt. 
Durch die schräge Lage des Biesen gewinnt der Miniator Dynamik. Nach dem Kampf schneidet die Her¬ 
zogin die Zunge als Beweis aus dem abgeschlagenen Kopf des Riesen. 
Der König von Toledo und seine Tochter sitzen auf einer Bank mit hoher Lehne. Dahinter erstreckt 
sich ein Innenraum mit schmalen Fenstern und einer Balkendecke. Florie trägt die übliche Kleidung und 
Frisur vornehmer Damen. Rechts neben ihr thront ihr Vater, blickt den vor ihm stehenden Bätter an und 
seine linke Hand ist zum Kedegestus erhoben. Der betrügerische Bitter, dessen Biistung und Kappe präch¬ 
tiggeschmückt sind, präsentiert in seiner rechten Hand den Kopf des Biesen zum Beweis für seine Tat. 
354 Der Text bietet zwei widersprüchliche Jahresangaben: Auf den Blättern 33v, 54v und 257r werden 14 Jah¬ 
re, beziehungsweise 18 Jahre auf Blatt 39r angegeben. 
355 Der Kampf mit dem Riesen und die List des toledanischen Ritters ist analog zum Drachenkampf in 
Gottfrieds von Straßburg ,Tristan und Isolde4: Um Isolde als Ehefrau zu gewinnen, erschlägt Tristan den 
Drachen und schneidet ihm als Beweis seines Sieges die Zunge heraus. Von dem Gestank der Zunge 
fällt Tristan in Ohnmacht. Währenddessen schneidet der Truchsess, der ebenfalls Isolde gewinnen will, 
den Kopf ab. Später überführt Tristan den falschen Brautwerber vor dem König mit dem Beweisstück 
der Zunge. Vgl. hierzu OTT 1992a, S. 196, 206 und S. 229f. 
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