Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

len zu können. Die epische Verbindung der Einzelgeschichten wird folglich über die Pro¬ 
tagonisten konstruiert, indem am Ende der ,Sibille4 die Geschichte um ,Loher und Maller4 
durch die Vorwegnahme der folgenden Eheschließung und Krönung Ludwigs eingeleitet 
wird.26’ Infolge von Karls Tod wiederholt der Text die Vorgeschichte von Ludwigs Herr¬ 
schaftsantritt in einer Retrospektive, die allerdings zeidich und logisch im Textfluss ver¬ 
setzt erzählt wird. Auch in dieser Episode ist das Motiv der Eheschließung verbindend, 
doch erscheint diese hier in einem anderen Handlungskontext.* 264 In der ,Loher und Mal- 
lefl-Handschrift lassen sich Querverweise sowohl zum ,Herpin‘ als auch zur ,Sibille4 
nachweisen.26^ Angespielt wird auf den ,Herpin4, als Loher um militärische Hilfe bei sei¬ 
nem Verbündeten, dem unehelichen Sohn Lewes, bittet.266 Ebenso befindet sich im Loher 
und Malier-Text ein zweifacher Textanschluss an den nachfolgenden ,Huge Scheppel4, in¬ 
dem in der Mitte und am Ende der ,Loher und Maller4-Erzählung der Text auf die prob¬ 
lematische Nachfolge Ludwigs verweist, da dieser keinen männlichen Erben hinterlässt. 
Somit muss das Herrschaftserbe über die Hand der Tochter Marie vergeben werden.26 
Damit ist auch die Ablösung der Karolinger durch die neue Dynastie der Kapetinger in 
Frankreich erklärt. flS Umgekehrt finden sich im ,Huge Scheppel4 Rückverweise auf den 
,Loher und Maller4.269 270 Die genealogische Einheit ergibt sich aus den Vertretern des fran¬ 
zösischen Herrscherhauses; in zeitlicher Reihung agiert zuerst Karl der Große, daraufhin 
seine Gemahlin Sibille und deren gemeinsamen Söhne Ludwig und Loher, zum Schluss 
Ludwigs Gemahlin und deren Tochter Marie.2 0 
Obwohl die Romane in einer zeitlich zusammenhängenden Reihe verbunden sind, exis¬ 
tieren auch widersprüchliche Schnittstellen und Quervereise innerhalb der Texte. Infolge 
dessen erscheint die Verbindung zwischen den Texten manchmal eher zufällig: ,Herpin4 
und ,Sibille4 werden ausschließlich durch die Figur König Karls verbunden; ,Sibille4 und 
Name Ludwigs durch den Karls ausgetauscht, vgl. die Ausgabe des französischen ,Lion de Bourges‘ von 
KiBLER/PlCHERIT/FENSTER 1980 und [Digitalisat]: 
https://uwaterloo.ca/margot/margot-projects/german-adaptations-french-chansons-geste/lion- 
bourges-and-herpin (zuletzt aufgerufen am 02.02.2015 um 20:11 Uhr). 
263 „Also wart konnig Karl vnd sin husfrouwe wol gesünet vnd gewonnen darnach eynen sone der wart ein 
keyser zu Rome vnd wart genant Lohir. Darnach gewonnen sye ein dochter die wart ein graffyn zu Pon- 
tue. Die gewan eynen sone (sone) hieß Jsenbart. Der was der den sin vetter konnig Ludewig verjagete vß 
allen crysten landen als jr hernach werdent hören. Also hat dis buch eyn ende.“ (Sibille, S. 173). 
264 GAEBEL 2002, S. 44. 
265 LIEPE 1920, S. 87. 
266 „Loher thett brieff uesiglen und schickte sie als weit als sein kysertumb waz, und schrib auch dem hert- 
zogen von Calabra, der was Lewen sohn uon Burges in Berry und was ein bastart [...]“ (Loher und Mal¬ 
ler, Köln Bl. 68va+b [Hamburg: Textverlust], zitiert nach VON BLOH 2013, S. 203). Einige Zeilen später 
sogar mit Namen genannt: „Gerhart, Lewen süne, der do was ein hertzoge zuo Calaber, vnd ouch der 
kunig von Cecilien vnd manig ander fürste.“ (Loher und Maller, Hamburg Bl. 74v, zitiert nach VON 
Bloh 2013, S. 232). 
267 „[...] er ließ eyn eynig tochter die hieß marie / die wart eym gesellen Der hieß Hüge scheppel zu elichem 
wybe“ (Berlin, Ms. germ. fol. 464, Bl. 143v). 
268 HAUBRICHS 1991, S. 14. 
269 „Loher der des großen karls von franckrich sone was [...]“ (Huge Scheppel, fol. 10r). 
270 von Bloh 1997, S. 223. 
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