Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

Vorrat produziert.24' Diese illustrierten Prachthandschriften dienten der Textvermitdung 
und der höfischen Selbstdarstellung.244 Die Rezeption solcher Historien änderte sich auch 
mit der Einführung der Prosaauflösungen; es wurde nicht mehr nur in kleiner Gemein¬ 
schaft vorgetragen, sondern wohl auch in einem größeren Kreis245 und in privater Atmo¬ 
sphäre gelesen.“4'1 Dies führt zu der Annahme, dass der Adel und das vornehme Bürger¬ 
tum des 15. Jahrhunderts lesen konnten,24 und es führt zu einem anderen Verhältnis zwi¬ 
schen Autor und Leser.244 Mit der Verbreitung der Bücher durch den Druck und dem 
Eindringen von Literatur in breite gesellschaftliche Schichten wurde der Prosaroman all¬ 
mählich als Gattung etabliert.244 Allerdings erfolgte die soziale Veränderung nur sehr lang¬ 
sam,-r,il wobei die Adaptionen eine Zwischenstellung einnehmen, denn sie hielten sich im 
Wortlaut recht streng an die französische Versvorlage2:i1 und sind ursprünglich immer 
noch für eine adlige Leserschaft bestimmt gewesen.252 
2.5. Die zyklische Anordnung der vier Prosaromane 
Die Frage, in welcher Verbindung die vier Epen zueinander stehen, lässt sich aus der 
übergreifenden Zusammengehörigkeit der Einzeltexte in einer Art genealogischer Chro¬ 
nologie hersteilen. Wolfgang Liepe stellte sich die Entstehung der Übersetzungen in der 
Reihenfolge ,Herpin4 — ,Sibille4 — ,Loher und Maller4 - ,Huge Scheppel4 vor, wobei er von 
der wachsenden Eigenständigkeit der Adaptionen gegenüber den Vorlagen ausging.233 Er 
konstatierte für den ,Herpin4, dass erst in der zweiten Texthälfte größere Kürzungen in 
der deutschen Fassung vorgenommen wurden, wobei hier in Anlehnung an die französi¬ 
sche Versvorlage übersetzt wurde; er folgerte dies aus der Genauigkeit der Laissenabsät- 
ze.2M Die These Liepes, die Übersetzung des ,Hugues Capet4 sei eine autonomere Arbeit, 
lässt sich nur schwer beurteilen, da die direkten Vorlagen für den ,Huge Scheppel4 nicht 
243 MÜLLER 1985, S. 41 f., Tilo Brandis veranschaulicht an einem Beispiel aus der Mitte des 15. Jahrhunderts 
die Dauer und die Kosten einer Handschriftenreproduktion; BRANDIS 1984, S. 177—193. Selbst die 
Handschriften Diebold Laubers blieben verhältnismäßig teuer, denn die Anzahl der Zeichnungen in ei¬ 
ner Handschrift bestimmt den finanziellen Aufwand an Arbeitszeit und Material. Vgl. hierzu BECKER 
1977, S. 167 und S. 187—191; zu der Schreibertätigkeit in Deutschland, BECKER 1977, S. 183—192. 
244 Becker 1977, S. 164. 
245 Grundmann 1936, S. 140; Becker 1977, S. 161. 
246 Sauder 2002, S. 569f. 
247 SPIESS 1998, über die Bildung im Adel, S. 86—91. 
248 MÜLLER 1980, S. 394. 
249 MÜLLER 1977, S. 31: Auch die gesellschaftliche Umschichtung ermöglichte dem Bürgertum einen sozia¬ 
len Aufstieg. Durch die Erfindung des Buchdrucks löste sich ebenfalls die enge Bindung zwischen Rezi¬ 
pient, Autor und Publikum auf. Vgl. MÜLLER 1980, S. 397f.; MÜLLER 1985, S. 22f. 
250 MÜLLER 1977, S. 33, Anm. 11. 
251 Hierzu MÜLLER 1980, S. 395; LIEPE 1920, S. 271. 
2:12 Dies zeigt sich vorwiegend auch in den überlieferten Handschriften, denn ihre Besitzer entstammen zum 
größten Teil adligen Schichten. Elisabeths Sohn Johann 111. besaß Prachthandschriften des übertragenen 
Zyklus; die Tochter Margarethe veranlasste Abschriften des ,Loher und Maller'; in der Bibliothek 
Mechthilds von der Pfalz befand sich die Historie von Herpin. Vgl. oben, S. 39-43. 
253 Liepe 1920, S. 223. 
254 Liefe 1920, S. 125. 
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