Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

antike Texte von Xenophon und Cicero, sowie spätmittelalterliche der Italiener Buonac- 
corso da Montemagno und Giovanni Aurispa ließ der Herzog so übersetzen und umge¬ 
stalten, dass die Texte sowohl in das politische als auch das höfische Umfeld des burgun- 
dischen Hofes passten.103 Unter anderem entstanden am Hofe Philipps des Guten und 
Karls des Kühnen 1447 durch Jean Wauquelin Prosabearbeitungen des ,Girart de Roussil¬ 
lon4 und des ,Renaut de Montauban4, 1454 ,Huon de Bordeaux4, eine Bearbeitung des 
Jourdain de Blaises4, 1456 und 1462 erhielt Philipp der Gute eine Handschrift der ,Hai- 
monskinder4.100 Die Tradition, Literatur zu fördern, begann bereits mit Philipps Großvater 
Philipp dem Kühnen, unter dessen Patronage Eustache Deschamps und Christine de 
Pisan schrieben, während unter Philipp dem Guten die Literatur flämisch beeinflusst 
wurde.!t Dieser förderte besonders Kompilationen antiker Geschichten und der Chan- 
sons-de-geste als auch deren Neubearbeitungen, die stets einen direkten textlichen Bezug 
zu Burgund und insbesondere zu seiner eigenen Person herstellten. An seinem Hof 
schrieben die Chronisten jehan Wauquelin (siehe oben), David Aubert und Jehan 
Mielot.l6fl 
Die Konzepte ritterlichen Ruhms orientierten sich am Leben der verehrten Helden. 
Zwar war in den mittelalterlichen Urkunden sehr häufig der Titel Ritter oder der lateini¬ 
sche Begriff miles zu finden. Dieser entsprach aber nicht dem von Künstlern und Autoren 
verherrlichten Ideal.10 ’ In der Realität bezeichnete Ritter lediglich einen Krieger zu Pferd. 
Selbst in der höfischen Literatur war das Bild des Ritters nicht einheitlich: Es gab sowohl 
den galanten, den höfischen, den christlichen, aber auch den reinen Krieger-Ritter.1 
Doch im 14. und 15. Jahrhundert wurden die literarischen Ritterutopien des 12. Jahrhun¬ 
derts als Vorbild für ritterliches Handeln und Selbstdeutung herangezogen.1 1 
Gewiss stehen auch die vier Saarbrücker Adaptionen in enger Verbindung mit der ,Rit¬ 
terromantik4 des späten Mittelalters an den Höfen Frankreichs und vor allem Burgunds,1 
aber eine direkte Verbindung zum burgundischen Hof lassen die Quellen nicht erkennen. 
2.2. Die Anfänge des Prosaromans in Deutschland 
Waren die frühen volkssprachigen Erzählungen noch stark im formalen und inhaltlichen 
Rahmen religiöser Themen gebunden, so löste sich dieser in der zweiten Hälfte des 11. 
des Großen in einigen seiner Adaptionen und auch in zwei Versionen des ,Girart de Roussillon4. Vgl. 
hierzu Scholz Williams 1988b, S. 57 
165 Vanderjagt 2001, S. 177-201. 
166 Liepe 1920, S.31f. 
167 KlLGOUR 1966, S. 231. Philipp der Gute holte auch einige der besten Maler aus Belgien an seinen Hof, 
unter anderem 1425 Jan van Eyck und später auch Rogier van der Weyden. 
>68 DOUTREPONT 1909, S. 490f.; VAUGHAN 1970, S. 156; LexMa VIII, Sp. 2079f. 
169 Borst 1976, S. 213. 
170 Borst 1976, S. 232. 
171 Haubrichs 1988, S. 8. 
172 Beyschlag 1952, S. 262. 
173 Der Begriff des Prosaromans hat sich erst später etabliert. Es handelt sich dabei besonders um fiktionale 
Erzählliteratur. Allerdings betraf die im Spätmittelalter beginnende Tendenz zu Prosaadaptionen die 
volks sprachige Literatur im Allgemeinen, vgl. hierzu MÜLLER 1997, S. 338-352. 
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