Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

Außerhalb der in den Texten überlieferten Hinweise gibt es keine Belege für weitere 
Adaptionen, bezeugt sind aber für die Familie breiter gestreute literarische Interessen.1'1 
Die häufigsten Chanson-de-geste-Übersetzungen des 15. Jahrhunderts gehören der Gat¬ 
tung der so genannten Empörerepen14lS an, zu denen auch drei der vier Übertragungen aus 
dem Zyklus zu zählen sind,14" die vor allem ein negatives Karlsbild intendieren1"" und im 
Umkreis der adligen Höfe entstanden, denn die Chansons-de-geste sowie der höfische 
Roman sind in das Abstammungsdenken der Adelsgeschlechter miteinbezogen.1"1 
2.1. Die Wiederbelebung der Chansons-de-geste 
„Für den nicht reichsfürstlichen Teil des hohen Adels und den niederen Adel wuchsen im 
späten Mittelalter die direkten und indirekten Abhängigkeiten, die Spannung zwischen ad¬ 
lig-ritterlicher Existenz und lehensrechtlicher und wirtschaftlicher Dependenz.“1^ Die 
Rückwendung zu den Ritteridealen, besonders denen des 12. Jahrhunderts, sowie die 
Sehnsucht nach einem ,freienc Ritterleben werden belegt durch die gleich bleibende 
Beliebtheit hochmittelalterlicher Epen,1"1 die von Frankreich und vor allem vom Hof der 
Valois-Nebenlinie in Burgund unter den Herzogen, besonders Philipp dem Guten, ihren 
Ausgang nahm. Zu dieser kulturellen Bewegung des Spätmittelalters gehörte unter ande¬ 
ren auch der Kreis um Charles de Valois und René d’Anjou.1"4 Die burgundischen Herzo¬ 
ge vereinten die ritterlich-höfischen Verhaltensformen mit einem frühneuzeitlichen 
Selbstverständnis. Ihre territorialen Ambitionen und Ansprüche umkleideten sie mit Lu¬ 
xus und Ahnenkult. Dafür schufen sie das Identifikationsmodell eines ritterlichen Ideals, 
das im treuen Dienst zu Gott und dem Fürsten gipfelte.1"" Diese ritterlichen Verhaltensre¬ 
geln und das neue Geschichtsverständnis gaben den Herzogen von Burgund die zur Herr¬ 
schaft notwendige Legitimation. Adlige Identifikation und das Konzept eines Fürstentums 
von Gottes Gnaden, das bis zu Kaiser Karls Enkel Lothar zurückreichte, transportierten 
die zahlreichen Chroniken, Romane und Epen.1"" So suchte der burgundische Herzog 
Philipp der Gute, Sohn Herzog Johanns Ohnefurcht und Margaretes von Bayern1" , in 
14_ Zum literarischen Engagement der Familie vgl. vor allem LlEPE 1920; SAUDER 1982; HAUBRICHS 1991; 
HAUBRICHS 2002c, S. 533-538; BuSCHiNGER 1998; MÜLLER 1989; MÜLLER 1993, S. 19-21. 
Vgl. hierzu GAEBEL 2002, S. 36. 
149 Dazu gehören ,Herpin‘, ,Loher‘ und ,Sibille‘. 
150 BUSCHINGER 1989, S. 86; in der altfranzösischen Literatur unter dem Terminus geste des vassaux rebelles 
(Empörerepen) zu finden. Der Handlungsverlauf dieser Erzählungen erfolgt sehr einheitlich; Durch Int¬ 
rigen böswilliger Neider verbannt Kaiser Karl den Helden. Im Erzählverlauf wird das negative Karlsbild 
schließlich wieder umgewandelt. Vgl. hierzu BEYSCHLAG 1952, S. 261. 
151 Hierzu MÜLLER 1989, S. 208. 
152 Becker 1977, S. 234. 
153 Becker 1977, S. 234f. 
154 HAUBRICHS 1991, S. 5f. 
155 Scholz Williams 1988b, S. 54. 
156 SCHOLZ Williams 1988b, S. 54; Doutrepont 1909, S. 17-69. Zu den einzelnen Handschriften in der 
Bibliothek Philipps des Guten siehe DOUTREPONT 1909. Philipp besaß an die 800 Codices, von denen 
noch 350 erhalten sind, vlg. hierzu VAUGHAN 1970, S. 155. 
157 LexMa VI, Sp. 2068-2070. 
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