Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

Heinrich Wilhelmi beschäftigte sich 1894 mit dem Ursprung der Sage um ,Lion de Bour- 
ges£. Ulrike Gaebel befasste sich 2002 in ihrer Dissertation sowohl mit den traditionellen 
Erzählmotiven der französischen Vorlagen als auch mit deren Veränderungen in den 
deutschen Prosaadaptionen Elisabeths von Nassau-Saarbrücken. ’1 
Die germanistischen Analysen zu den Erzählstrukturen und zum narrativen Aufbau der 
Prosaromane sind ebenfalls spärlich. Auf Helmut Enninghorsts Dissertation zur ,Zeitge¬ 
staltung in den Prosaromanen der Elisabeth von Nassau-Saarbrücken' " folgte eine detail¬ 
lierte Analyse von Norbert Thomas über die Handlungs- und Motivstruktur in den frühen 
deutschen Romanen, in der auch drei der Chanson-de-geste-Ubertragungen Elisabeths 
behandelt wurden. 1 Diese Untersuchung verdeutlichte die Verdoppelung der Handlungs¬ 
strukturen: Zuerst erwirbt der Held in Abenteuern und Kämpfen durch Fleiß und Tapfer¬ 
keit die Liebe einer Prinzessin und deren Königreich. Im anschließenden Abschnitt folgen 
der Verlust und die Rückgewinnung der Herrschaft und des damit verbundenen sozialen 
Standes. In diesem Strukturentwurf gewinnt der Held zu Beginn alles mühelos und muss 
es anschließend verlieren, um es sich danach zu verdienen. Hier liegt also ein dem Dop¬ 
pelweg des Artusromans folgendes Erzählmuster vor. Im skizzierten Handlungsrahmen 
werden verschiedene, in der Tradition der Chansons-de-geste stehende Motive wie Über¬ 
listung, Verrat, Eifersucht, Machtgier, blutige Morde und edle Befreiungstaten verwoben. 
„Der Zweck der Doppelform reduziert sich [...] auf zweierlei. Zum einen bietet sie einen 
Rahmen für eine romanhafte Breite [...] Das zweite, was dieses Schema garantierte und, 
sobald der Zuhörer oder Leser es erkannte, auch signalisierte, war die endgültige Zusam¬ 
menführung der Linien im Happy-End. Und das sichere Vertrauen darauf gehörte we¬ 
sentlich zum Verständnis dieses Typus.“ 
Zusammenfassende Arbeiten zu Elisabeths Romanen liegen, aus unterschiedlichen 
Blickwinkeln, außer von Liepe von Helmut Enninghorst, Bernhard Burchert und Ute von 
Bloh vor: 4 Burchert versuchte in seiner Analyse auf der Basis der Zivilisationstheorie von 
Nobert Elias die Funktion der Texte als Fürstenspiegel für Elisabeths Sohn Johann 111. 
herauszuarbeiten. 3 Enninghorst und von Bloh untersuchten aus literaturwissenschaftli¬ 
cher Sicht. Dabei stehen bei Enninghorst die Dimensionen der Erzählzeit im Vorder¬ 
grund, während von Bloh die unterschiedlichen Erzählmotive herausarbeitete. 
Der intendierte Zyklus, der vor allem durch Änderungen und Hinzufügungen in den 
einzelnen Geschichten erzielte wurde, entspricht dem Charakter einer Rahmengeschichte 
aus vier Einzelhistorien in der Reihenfolge Herpin, Sibille, Loher und Maller und Huge 
Handschrift: RüELLE 1960, S. 12. 
69 Gaebel 2002. 
70 ENNINGHORST 1957: Enninghorsts Untersuchung zur Zeitgestaltung der Romane zeigt die Tendenz 
zum Biographischen auf. 
71 THOMAS 1971, S. 96-153 (,HerpinT 154-176 (,Loher und Malleri) und S. 176-192 (,Hug Schapleri). 
72 Fromm 1969, S. 64-79 und Nachdruck 1989, S. 122-136. 
73 HAUG 1989, S. 185-205, hier S. 198. 
4 VON BLOH 2002a; in einigen Aufsätzen geht Ute von Bloh auf unterschiedliche Motive ein: Auf das 
Verschicken von Nachrichten (VON BLOH 1993), das Motiv des Wunderbaren und Übernatürlichen 
(VON BLOH 1994 und VON Bloh 1997) und des Rollentausches durch Verkleidung (VON BLOH 2002b). 
75 Burchert 1987. 
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