Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

kaum plastisch gestaltet. 1,8 Diese Zeichentechnik übernahm nicht nur Michael Wolgemut, 
sondern auch der Meister der Herpin-Zeichnungen. 
Einige motivische Verwandtschaften treten schon in den Arbeiten Pleydenwurffs und 
seiner Mitarbeiter in Erscheinung: Die Gottesdarstellung in der Handschrift (Abb. 36) äh¬ 
nelt dem der Verkündigungsszene des Dreikönigsaltars aus der Lorenzkirche in Nürnberg, 
der eine Arbeit der Werkstatt Pleydenwurffs ist. Auch in den später folgenden Holzschnit¬ 
ten der Weltchronik von Hartmann Schedel sind einige halbfigurige Porträts Gottes mit 
der in der Herpin-Zeichnungen verwandt. Ein weiteres motivisches Detail geht ebenfalls 
auf die Zeit Pleydenwurffs zurück: Auf der Versoseite eines in Erlangen befindlichen Blat¬ 
tes mit kämpfenden Vögeln "<) wurden zwei behelmte Köpfe mit brauner Tinte skizziert. 
Diese Köpfe wurden nicht nur als Vorlagen für einige Altarbilder verwendet, sondern 
sind auffallend nah mit denen einiger Ritter aus der Herpin-Handschrift verwandt. Die 
Helmform, des tief sitzenden Schallers, teilweise mit Bart, tragen dort die Ritter häufig 
(Abb. 66 und 88). Das Motiv der durch die Helme verdeckten Gesichter stammt aus dem 
Repertoire des Pleydenwurff."1 Die Körperhaltung des Knechts, der die Toten auf den 
Galgen zieht (Abb. 79), ist der Haltung des Schergen mit gestreiftem Mantel aus dem 
Starck-Retabel, der hilft das Kreuz aufzurichten, motivisch auffallend nahe. Das Seil über 
der Schulter, zieht dieser nach vorne gebeugt und mit aller Kraft. Auf der Herpin- 
Miniatur ist die Figur nur insofern variiert, als dass das Gesicht nicht zu sehen ist. Einige 
Gesichter und Fratzen schneidende Köpfe sind in der Handschrift adaptiert worden: Den 
an den Mundwinkeln ziehenden Kahlkopf auf dem Hochaltarretabel der Stadt-Pfarrkirche 
St. Laurentius in Ebern, das in Nürnberg um 1450—1455 entstand, 11 paraphrasierte der 
Zeichner auf dem New Yorker Blatt und den Stephaton aus dem Großen Kalvarienberg " 
in München adaptierte er sowohl für die New Yorker Zeichnung als auch für den mittle¬ 
ren Gelehrten des Blattes aus dem Klebeband von Waldburg-Wolfegg. 
Die Pferdemotive in der Berliner Handschrift sind nicht nur mit denen aus dem 
,Schatzbehalter£ und der Weltchronik verwandt, sondern einige Reiterdarstellungen kom¬ 
men auch bei Dürer vor, der ab 1486 eine Malerausbildung in der Wolgemut-Werkstatt 
begann. 13 Hierbei geht es nicht immer um die detailgetreue Kopie, vielmehr um die Va¬ 
riationen von Motiven. Die Reiterzüge und -gruppen sind schon in der älteren Werkstat¬ 
tradition Pleydenwurffs bekannt und bezüglich der gemeinsam verwendeten Vorlagen¬ 
zeichnungen aus dem Fundus der Werkstatt können zahlreiche verwandte Motive vor al- 
708 Hierzu Mus.Kat. Zeichnen vor Dürer, Kat.Nr. 40, S. 114. 
709 Erlangen, Universitätsbibliothek, Hans Pleydenwurff, Kämpfende Vögel, hierzu siehe MUS.KAT. 
Zeichnen vor Dürer, Kat.Nr. 38, S. 104-108. 
710 Vgl. hierzu Mus.Kat. Zeichnen vor Dürer, Kat.Nr. 38, S. 104-108, hier bes. S. 107. 
7,1 Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Inv.Nr. Gm 125—127. Auf dem 279 x 227 cm große Retabel 
ist auf der Mitteltafel ein Kalvarienberg dargestellt und auf den Flügeln innen Passionsszenen, außen die 
Vita des hl. Laurentius (SUCKALE 2009, S. 34—36 und Kat.Nr. 39, S. 124—128 mit Literatur). 
712 München, Alte Pinakothek, Inv.Nr. 6218. Das beschnittene Retabel misst 192 x 181 cm, ursprünglich 
hatte es ein rechteckiges Format (MUS.KAT. Alte PINAKOTHEK, Kat.Nr. 6218, S. 389 mit Lit.). Hierzu 
SUCKALE 2009, Kat.Nr. 31, S. 88-93. 
713 Buck 2012, S. 92 und 95; von Pfeil 1995, S. 27 wie auch Ausst.Kat. Der frühe Dürer, S. 298. 
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