Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

Handschriften wurden die Themenkomplexe ,Turnier4 und ,höfisches Leben4 akzentuiert, 
obgleich in der Henfflin-Version die Begegnungen Lewes und Florentines ausführlicher 
gestaltet wurden.334 Die Turnierdarstellungen hingegen varüeren untereinander kaum. Ei¬ 
ne weitere Gemeinsamkeit ist die Kennzeichnung der Hauptfiguren durch Kleidung, die 
ihre Identifizierung in den Darstellungen ermöglicht,331 auch wenn die Hauptfiguren die 
Kostüme und ihre Identitäten wechseln. In der Heidelberger Handschrift wurde die 
Landschaft in den Bildern ohne Einzelheiten dargestellt.334 Im Berliner Codex hingegen 
wurde nur in den ersten Miniaturen eine genauere Schilderung der Landschaft angestrebt, 
die im Verlauf der Bilderfolge stetig abnimmt, bis schließlich die Landschaft auf ein Mi¬ 
nimum reduziert ist. Abgesehen von den zahlreichen Schlachten- und Turnierdarstellun¬ 
gen, lag das besondere Interesse des Berliner Illustrators auf den Gastmählern, deren Dar¬ 
stellungen er zu variieren wusste, und den höfischen Alltagsdarstellungen wie der Anklei¬ 
dung des Königs von Toledo (Abb. 39) oder der Waschsgene mit Clarissa (Abb. 47). Auch die un¬ 
terschiedlichen Illustrationsvarianten und perspektivischen Verkürzungen bei Pferden und 
Menschen faszinierten den Miniator in besonderem Maße. 
Nachdem die Bildprogramme der Wolfenbütteler, Heidelberger und Berliner Hand¬ 
schriften in keiner Beziehung zueinander stehen, ist es nicht möglich, die möglichen Bild¬ 
themen der Leerstellen für den Berliner Zyklus zu rekonstruieren. Anhand des bereits be¬ 
stehenden Zyklus lassen sich einige Vorlieben für bestimmte Bildthemen benennen. So 
könnte in Kapitel 44 der Empfang Herzog Herpins in der Kammer Flories bebildert wor¬ 
den sein, da das Interesse des Zeichners besonders Szenen galt, in denen Männer und 
Frauen in Zweisamkeit agieren: Die erste vertraute Begegnung zwischen Lewe und Flo- 
rentine (Abb. 27) sowie deren Schachspiel (Abb. 36) und ihre Hochzeitsnacht (Abb. 71); 
ebenso Lewes Ehebruch mit Clarissa (Abb. 47f.) in mehreren Bildfolgen. Da diese Szenen 
für die Erzählung häufig eine Peripetie darstellen, wurden sie illustriert. Der Ehebruch mit 
Clarissa ist der Grund für das Verschwinden des Weißen Ritters und Herpins anstehende 
Hochzeit der Grund für das Wiedersehen mit seiner Ehefrau (Kapitel 44), sodass auch die 
Szene mit dem Empfang in der Kammer illustriert worden wäre. Im nachfolgenden Kapi¬ 
tel 45 auf der letzten Leerstelle könnte die Szene mit der Einkleidung der Herzogin Adel¬ 
heid durch Florie illustriert sein, die möglicherweise in Analogie zur Ankleidungsszene 
Herzogin Adelheids (Abb. 14) erfolgte, nachdem die Herzogin ihre Tarnung als Küchen¬ 
junge aufgegeben hat. Der Zeichner hat eine große Vorliebe für Darstellungen mit Boten, 
die Briefe oder mündliche Nachrichten überbringen.333 Nach dem Turnier erhält Lewe die 
Nachricht über seinen Sieg durch einen Boten, dem er ein Pferd schenkt (Abb. 32). Auf 
einem einzigen Bildfeld schicken Weckholder und der Herzog von Kalabrien einen Boten 
mit Nachrichten (Abb. 33), ein Bote bringt Clarissa (Abb. 45) oder dem Herzog von Ka¬ 
labrien (Abb. 58 und 63) Nachricht. Die letzte dieser Darstellungen zeigt einen Boten, der 
auf dem Weg zu Lewe ist (Abb. 65). Der erste Bildblock des 49. Kapitels könnte ebenfalls 
552 Wolf 2000, S. 23 und von Bloh 1995, S. 17f. 
553 Wolf 2002, S. 608. 
554 Wolf 2002., S. 608. 
555 Zu der häufigen Erwähnung und Darstellung von Botengängen in den vier Prosaromanen Elisabeths 
von Nassau-Saarbrücken vgl. VON BLOH 1993, S. 24—49. 
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