Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

hinaus tragen sie Schwerter und häufig Setztartschen. Die viereckigen Handschilde in der 
Handschrift laufen partiell unten schmäler zu und weisen in der Mitte eine Ausbuchtung 
auf (vgl. Abb. 44 und 87).508 Mit Krummsäbeln""; sind die Heiden und Schurken bewaff¬ 
net (Abb. 2, 7,16, 50). 
Bei den Turnierszenen sind die Kämpfer mit dem Stechzeug gewappnet, bei dem die 
Achseln der Ritter mit Schwebescheiben,"11 der Oberkörper an Brust und Rücken mit ei¬ 
ner Stechbrust und der untere Rücken mit einem Bauchreif mit Schößchen geschützt sind. 
Die Plattenharnische im Berliner Codex sind — wie für Mittel- und Westeuropa kenn¬ 
zeichnend — in ihrer Erscheinungsform symmetrisch gestaltet. " Ab der Jahrhundertmitte 
hatte sich der Harnisch in Deutschland verschlankt: So zeigt die Handschrift den Brust¬ 
panzer mit einen Mittelgrat, die Arme und Beine in Röhren geschützt, den Reifenrock 
stark gekürzt und mit Schamausschnitt sowie seitlichen Schlitzen versehen sowie die Füße 
in Schnabelschuhen mit besonders langen Spitzen."1“ Die Rüstung Lewes ist ein solcher 
Plattenharnisch, der besonders in der Matte und dem ausgehenden 15. Jahrhundert ge¬ 
bräuchlich war (Abb. 33)."'1 Das im 15. Jahrhundert verbreitete Kolbenturnier"14 schildert 
der Illustrator recht präzise: Die Ritter tragen kugelförmige Kolbenhelme,"1" die auf Brust 
und Schulter aufliegen und das Gesicht mit einem massiven Gitter vor den Schlägen der 
Kolben schützen. Um die mit dem heruntergeklappten Visier kämpfenden Turnierteil¬ 
nehmer identifizieren zu können, tragen sie Helmzier. So ist Lewes Turnierhelm mit ei¬ 
nem brüllenden Löwen verziert, der den Kranz aus Rosenblüten von Florentine auf dem 
Haupt trägt und seine Zunge herausstreckt (Abb. 28—30). Als Waffen tragen die Teilneh¬ 
mer ein Kurzschwert und einen Streitkolben."10 Vergleichbar sind die Darstellungen mit 
einem Kolbenturnier aus einer Handschrift, die unter der Signatur Cgm 145 in der Bayeri¬ 
schen Staatsbibliothek in München aufbewahrt wird."1 Die Deckfarbenminiatur zeigt ein 
Fig 391a. 
508 Boeheim 1966, S. 180f. mit Abb. 192; Ausst.Kat. Ritterwelten, Kat.-Nr. 30 a-d, S. 239-243; 
Hummelberger 21980, S. 202 mit Abb. 119-122; Ausst.Kat. Wiener Zeughaus, Kat.-Nr. 131-195, 
S. 85-92 mit Abb. 10-15 und 102-104; NICKEL 1974, S. 27-30 und LEHNART 2005, S. 132. 
509 Zum Krummsäbel, vgl. BOEHEIM 1966, S. 269—281 
510 Gamber 1955, S. 44; Boeheim 1966, S. 68£; Post 1954, Taf. 106 1' mit Abb. 12; Gamber 1995, Sp. 15; 
GAMBER 1957, S. 39 mit Abb. 27 und 32; KÜHNEL 1992, S. 233; AUSST.KAT. RITTERWELTEN, Kt.-Nr. 
12, S. 174-177. 
511 Die italienischen Plattenharnische des 15. Jahrhunderts unterscheiden sich durch ihr asymmetrisches Er¬ 
scheinungsbild von den deutschen, vgl. hierzu GAMBER 1955, S. 44 und GAMBER 1995, Sp. 15. 
512 Gamber 1955, 45f., 50 und 54; Boeheim 1966, S. 118 und 149; Post 1954, Taf. 106 l1; Nickel 1974, 
S. 133f. und Lehnart 2005, S. 123. 
513 Boehn 1925, S. 204; KOCH-MERTENS 2000, S. 170 und KÜHNEL 1992, S. 101 mit Schaubild XII und 
XIII. 
514 Über die Anfänge des Kolbenturniers ist man sich in der Literatur nicht einig: Nach Wendelin Boeheim 
fanden sie seit dem 15. Jahrhundert statt (BOEHEIM 1966, S. 523). Ortwin Gamber hingegen setzte sei¬ 
nen Beginn schon um 1350 an und datierte um 1490 seinen Höhepunkt (GAMBEiR 1992, S. 284). 
515 KÜHNEL 1992, S. 107 mit Abb. auf S. 109 und S. 142; BOEHEIM 1966, S. 523f. und GAMBER 1957, 
Abb. 42 und 44. 
516 Boeheim 1966, S. 523 mit Fig. 610f.; Ausst.Kat. Ritterwelten, Kat.-Nr. 29a, S. 237. 
51" München Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 145, fol. 236r. Digitalisat: http://daten.digitale- 
sammlungen.- 
120
	        

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