Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

LXIV und LXIX sind jeweils mit zwei Bildblöcken unterteilt. Allerdings sind die zweiten 
Bildblöcke im Gegensatz zu den ersten wesentlich ausführlicher illustriert. Einigen kurzen 
Kapitel steht lediglich eine Miniatur voran.431 Die längeren Textabschnitte der Kapitel LII 
und LXX sind dagegen mit nur einer Illustration bebildert. Das Kapitel LIV mit drei 
Textseiten und das letzte Kapitel mit vier Seiten sind jeweils mit zwei Bildern illustriert. 
Auffallend bei den sechs Kapiteln, die durch Bildblöcke unterteilt sind, ist, dass zwischen 
den geteilten Kapiteln mehr als zehn Kapitel dazwischen liegen, die nicht durch Illustrati¬ 
onen geteilt wurden. Außer zwischen dem XLVII. und dem L. Kapitel sind nur zwei Ka¬ 
pitel und zwischen dem LXV. und dem LXIX. sind vier Kapitel dazwischen geschaltet. 
Eine Regelmäßigkeit ist hier nicht festzustellen, sodass daraus festgestellt werden kann, 
dass jene Kapitel, die durch Bilder in Sinnabschnitte gegliedert sind, für die gesamte Er¬ 
zählung des ,Herpin‘ besonders wichtig sind. Die enge Verbindung zwischen Bebilderung 
und Text lässt darauf schließen, dass die Bilder für den Text konzipiert wurden und eine 
genaue Kenntnis der Geschichte voraussetzen. 
4.7. Raumdarstellung und Komposition 
Der Zeichner konzipierte besonders raffinierte Bildausschnitte: Es gibt kaum Illustratio¬ 
nen, die nicht einen Ausschnitt zeigen. Dadurch fokussierte der Miniator die Bildkompo- 
sidon auf wichtige Szenen, die, abgesehen von angeschnittenen im Hintergrund platzier¬ 
ten Nebengeschehnissen, meist mittig im Vordergrund platziert sind. Besonders in den 
Turnier- und Schlachtenszenen erreicht der Zeichner dadurch eine besondere Dynamik. 
Die aufeinander folgenden Schlachten- und Turniersequenzen, die teilweise in Bildstreifen 
übereinander stehen, weisen analoge Bildkompositionen auf, die trotz kleiner Variationen 
eine hohe Wiedererkennung garantieren.4'4 Die einzelnen Bildstreifen auf den meist ganz¬ 
seitigen, geteilten Illustrationen sind visuell durch symmetrische Anordnungen, Figuren¬ 
oder Raumdoppelungen aufeinander bezogen, sodass eine klare Identifizierung möglich 
ist. Durch die eindeutige Anordnung in Bildstreifen ist die Leserichtung unverkennbar 
vorgegeben. Eine Ausnahme bilden die sechs Seiten, auf denen das Bildfeld geviertelt 
ist.4'1 Häufig wechseln Innen- und Außenszenen, die optisch nicht miteinander korres¬ 
pondieren, sodass die Bilder ohne den Text im Ganzen nicht verständlich wären. Nur auf 
diesen Blättern ist die Leserichtung nicht immer eindeutig, so wie auf Blatt 47v (Abb. 18), 
auf dem die Bilder zunächst von links nach rechts, die beiden unteren Miniaturen indes 
entgegengesetzt, zu lesen sind. 
Häufiger bespielte Innenräume gab der Zeichner bis auf winzige Modifikationen iden¬ 
tisch wieder.4’6 Landschaftsdarstellungen hingegen variierte er stärker. Jene Wände der In¬ 
nenräume, die parallel zum Bild verlaufen, sind häufig mit kurzen, parallelen Strichen ab- 
433 So in den Kapiteln XLII, XLVIII, LI, LIII und LXXI. 
434 Gaebel 2002, S. 156. 
435 Vgl. Abb. 11, 18, 20, 26 und 70f. 
436 Vgl. Saal und Thron Kaiser Karls (Abb. 1), Saal in Monclin (Abb. 9 und 10), Flories Kammer 
(Abb. 14f.), Papstsaal (Abb. 18), Turmvorraum in Florenz (Abb. 21, 23—25), Turnierplatz in Toledo 
(Abb. 28—30), Kloster (Abb. 55), Klostermauer (Abb. 61, 64—66), Papstsaal (Abb. 72f., 75f. und 79), 
Gadiffers Haus (Abb. 77f.), Wehrmauer Riges (Abb. 82 und 84) und Häuser in Bonefant (Abb. 89). 
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