Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

heruntergelassenen Holzzugbrücke nimmt Weckholder den Säugling aus den Armen der Diebin entgegen. 
Vom Wickelkind ist lediglich das Gesicht sehend23 
Der Herzog geht über die Zugbrücke und überreicht dem Schildknecht Heinrich das Kind\ das wie sein 
Water Fewe mit einem roten Kreuz auf der Schulter gekennzeichnet ist (Abb. 3 und 4). Hier übertrug 
der Zeichner es auf die Fatschen, mit denen der Säugling eingewickelt ist. Dm das Kind nehmen zu kön¬ 
nen, dreht Heinrich sich im Worbeireiten auf seinem Pferd nach hinten um und streckt die Arme nach 
ihm aus. 
Im Wald kann Heinrich den Befehl des Herzogs von Kalabrien, den Säugling zu ermor¬ 
den, nicht ausführen, da der Säugling beim Anblick des durch die Sonne glitzernden 
Schwertes zu lachen beginnt.424 Durch das helle Lachen des Kindes erweicht das Herz 
Heinrichs und er setzt den Säugling daraufhin unter einem Olivenbaum auf der Waldlich¬ 
tung aus (Bl. 208 -209*).425 
(Bl. 206'/Abb. 83): Der Wald besteht aus zahlreichen, hintereinander angeordneten Büschen und 
kurzstämmigen Bäumen, die besonders am Bildrand aufgereiht sind. Auf einer schmalen Wichtung in der 
Bildmitte zieht Heinrich sein Schwert vor dem Säugling, dem er die um den Kopf gelegten Bänder in den 
Nacken geschoben hat. Das Kind liegt auf dem Boden und richtet seinen Blick mit einem Fächeln auf 
Heinrich, der in Rückenansicht zpm Betrachter steht. Sein Pferd ist rechts angebunden. 
Der Illustrator gestaltete die Waldlichtung weitläufiger und heller als die darüber dargestellte Örtlichkeit. 
Nicht Buschreihen bilden den Waldrand, sondern hoch aufragende Bäume im Hintergrund und an den 
Seiten, die teilweise mit viel Finte und breiter Feder dunkel schraffiert wurden. In der vorderen rechten 
Bildecke wächst ein mannshoher Olivenbaum, dessen Blätter detailliert und naturgetreu gezeichnet sind. 
Unter diesen Baum setzt Heinrich den eingewickelten Säugling aus und segnet ihn mit der rechten Hand, 
bevor er den Wald verlässt. 
Heinrich reitet zum Herzog und teilt ihm mit, dass er das Kind umgebracht habe. Der 
Herzog beschließt, Florentine mit Gewalt als Ehefrau zu nehmen (Bl. 2091). 
(Bl. 207’/Abb. 84): Fnks sitzt Heinrich auf seinem Pferd, das direkt vor der heruntergelassenen 
Zugbrücke steht, die Zügel in der linken, seinen runden Hut mit der Innenseite nach oben in der rechten 
Hand haltend. Der Herzog geht ihm auf der Brücke entgegen; seine Hände umfassen den Schwertknauf, so- 
dass beide Fllbogen dabei zur Seite abgespreizt sind. Hinter ihm ist die Stadt Rige detailgenauer zu sehen. 
Am nächsten Tag findet der Hirte Ely das ausgesetzte Kind im Wald und beschließt, es 
mit zu seiner Ehefrau Beatrix aufzunehmen. Sie taufen den Jungen metonymisch auf den 
Namen des Baumes (Bl. 209-210').426 
423 Diese Art der Säuglingspflege (das so genannte Faschen oder Fatschen) ist im gesamten Mittelalter und 
auch in den nachfolgenden Jahrhunderten verbreitet. Vgl. dazu EWING 1982, S. 16—21; SHAHAR 1993, 
S. 100-103; RiCHÉ/ALEXANDRE-BlDON 1994, S. 65f.; FONTANEL/D’HARCOURT 1998, S. 151-154; 
Kania 2010, S. 113f.; Zander-Seidel 1990, S. 247-251, bes. S. 247 mit Abb. 228; Alexandre- 
Bidon 1989, S. 123-168; Praschl-Bichler 2011, S. 32f. 
424 von Bloh 1997, S. 226. 
425 Diese Szene wiederholt die Trennung von der Mutter wie bei Lewe in Variation: Nach dem missglück¬ 
ten Tötungsversuch wird das Kind im Wald ausgesetzt (bei Lewe hingegen nicht). 
426 Das Pflegeelternmotiv ist ebenfalls aufgegriffen: Liier allerdings nicht der gleichgestellte Ritter (Balduin), 
101
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.