Full text: Die Berliner Herpin-Handschrift in der Staatsbibliothek zu Berlin (Ms. Germ. Fol. 464)

schließlich für die Kolorierung angelegt waren, sind Vorstufen zum Inkunabelholzschnitt. 
Im 14. Jahrhundert hingegen hatte sich ein Illustrationsschema entwickelt, das beinahe 
gänzlich auf die Kolorierung verzichtet und aus linearen Strukturen und Schraffuren kon¬ 
struiert ist. Doch weiter ausgeführt wurde diese Bildvariante in sehr geringem Maße. " Die 
früheste deutsche Handschrift mit graphisch angelegten Miniaturen ist eine mittelhoch¬ 
deutsche ,Weltchronik4 Heinrichs von München,11 die um 1370/80 in Bayern entstand.1' 
Weitere Beispiele sind zwei ' Versionen der Erbauungsschriften der ,Vierundzwanzig Al¬ 
ten4 von Otto von Passau14 und das profane Versepos ,Apollonius von Tyrland4 des Wie¬ 
ner Arztes Heinrich von Neustadt1', das gegen 1467 mit Federzeichnungen ausgestattet 
wurde.“ Dieser Illustrationstypus ist in der zeichnerischen Schilderung expressiv und bot 
den Künstlern einen großen Spielraum an motivischen Neuschöpfungen, emanzipierte sich 
von der bislang modulierenden Farbe und ist daher vollkommen graphisch. Somit steht 
dieser Illustrationstyp in enger Verbindung zum zeitgleich aufkommenden Kupferstich. 
Das Anliegen dieser Arbeit ist es, die ,Herpin4-Handschrift in der Berliner Staatsbiblio¬ 
thek (Ms. germ. fol. 464) mit ihren 90 unkolorierten Federzeichnungen erstmals grundle¬ 
gend zu beschreiben, anschließend das künstlerische Umfeld zu skizzieren und Schlüsse 
daraus zu ziehen, welches Vorlagenrepertoire dem Illustrator zur Verfügung stand. Die 
technischen Herstellungskosten der Handschriftenprodukdon durch die Federzeichnun¬ 
gen führten keineswegs zu einer Verschlechterung der künsderischen Qualität, wie am 
Beispiel der Berliner Handschrift dargestellt werden soll. Hauptteil der vorliegenden Ar¬ 
beit beinhaltet die kodikologische Analyse, die Beschreibungen der Illustrationen, die Dis¬ 
position von Text und Bild sowie die Eingliederung der Illustrationen in die Malerei und 
Graphik des 15. Jahrhunderts. Die immer noch zum Teil ungeklärte Provenienz der 
Handschrift konnte in dieser Dissertation um einen weiteren Besitzer ergänzt, allerdings 
nicht lückenlos rekonstruiert werden. Eine Synopse der Bildthemen der weiteren deut¬ 
schen und der französischen Herpin-Handschriften stellt komparatistisch alle Bildmotive 
i° ott 1999, S. 219; Ott 1987b, S. 122 und Holcomb 2009, S. 3-34. 
11 Ott 21981, Sp. 827-837 mit Literatur. 
12 München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 7377, Bayern 1370/80. Hierzu auch KESSEL 1984, S. 163— 
183 mit weiter führender Literatur und SPIELBERGER 1998, S. 143-147. 
13 Donaueschingen, Fürstlich Fürstenbergische Hofbibliothek, Cod. 242. Zu dieser Handschrift, die im 
Bodenseegebiet 1435 entstand, vgl. KDlH I, 4.0.14., S. 152-154 mit Abb. 74. München, Bayerische 
Staatsbibliothek, Cgm 505 entstand in Bayern wohl um 1456. Hierzu ebenfalls KDlH 1, 4.0.38, S. 184— 
186 mit Abb. 93. Zu der graphisch gestalteten Handschriftengruppe der ,Vierundzwanzig Alten1 Ottos 
von Passau gehören noch zwei weitere Manuskripte, deren Zeichnungen von nicht so hoher Qualität 
sind wie die beiden aus München und Donaueschingen. Dabei handelt es sich um eine Handschrift in 
der Krakauer Biblioteka Jagiellonska ehemals Preußische Staatsbibliothek zu Berlin, Ms. germ. quart. 
1578, die 1462 im Nürnberger Raum ausgestattet wurde (hierzu KDlH 4.0.29. S. 174f. mit Abb. 108 und 
OTT 1987b, S. 125). Des Weiteren um einen ostfränkischen Codex von 1477, der in der Bamberger 
Staatsbibliothek unter der Signatur Msc. Lit. 146 liegt (KDlH 4.0.3. S. 132 mit Abb. 58 und OTT 1987b, 
S. 125). 
14 SCHNYDER 21989, Sp. 229-234 und OTT 1987b, S. 107-148. 
15 Zur Person siehe OCHSENBEIN 21981, Sp. 838-845. 
16 Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Vind. 2886, Österreich 1467. Zur Geschichte Apolloni- 
us‘: Ochsenbein 21981, Sp. 840-842. 
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