Volltext: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

gearbeitete Organigramme sollten allerdings nicht mit dem betrieblichen Alltag gleich¬ 
gesetzt werden: Sie entsprachen eher dem Idealbild der Firmenherren und konnten nur 
zum Teil umgesetzt werden. Wie im weiteren Verlauf der Studie noch zu zeigen sein 
wird, konnten sich auch die Arbeiter als betriebliche Akteure Autonomieräume sichern, 
die sie als mit spezifischen Handlungsressourcen ausgestattete Akteure zu gestalten 
wussten. Angesichts des generellen Bedeutungszuwachs der angestellten Werksfunkti- 
onäre mag es kaum verwundern, dass nach Stumms Tod die beiden bisher angestellten 
Direktoren als Werksdirektoren die Firmengeschäfte übernahmen. Die Familie Stumm 
zog sich aus dem operativen Geschäft zurück.13 1903 wurde die KG in eine Gesellschaft 
mit beschränkter Haftung (GmbH) überführt.* 138 
Im Ersten Weltkrieg war das Neunkircher Eisenwerk in die deutsche Rüstungspro¬ 
duktion eingebunden, was unter anderem zur Folge hatte, dass die Stadt mehrfach Ziel 
alliierter Luftangriffe wurde. Die Bombardements zogen in materieller Hinsicht nur 
begrenzte Schäden nach sich, wirkten sich aber sicherlich in psychologischer Hinsicht 
aus.13y Nach Kriegsende vollzogen sich dann einschneidende Änderungen in der Un¬ 
ternehmensorganisation. Französische Eigner erwarben die Mehrheitsrechte an den 
saarländischen Hütten.140 Gleichzeitig wurde in Neunkirchen eine neue Unternehmung 
gegründet. Mit der Neunkircher Eisenwerk AG, vormals Gebr. Stumm zu Neunkirchen/ 
Saar wurde die ehemalige GmbH in eine moderne Aktiengesellschaft umgewandelt, das 
Kapital von acht auf zwanzig Millionen Mark erhöht. Angesichts der zunehmenden Bü¬ 
rokratisierung und Anonvmisierung der betrieblichen Verwaltungsstrukturen, die trotz 
des vielfach beschworenen .persönlichen Regiments' Karl-Ferdinand Stumms bereits in 
dessen Ära einsetzte, war die Umwandlung in eine AG ein gleichsam logischer Schritt. 
Die Mehrheit an der AG erwarb die französische Société Anonyme des Forges et Aciéries 
de Nord et Lorraine (SFANL), die 60 Prozent der Aktien hielt.141 Die Bindung an diese 
französische Gesellschaft wurde noch gefestigt, indem die SFANL nun auch die ehe¬ 
mals Stummschen Erzfelder in Lothringen in Besitz nahm und die Erzversorgung des 
gen Kocka vor: Kocka, Jürgen: Unternehmensverwaltung und Angestelltenschaft am Beispiel Siemens 
1847-1914. Zum Verhältnis von Kapitalismus und Bürokratie in der deutschen Industrialisierung (Indust¬ 
rielle Welt, Bd. 11), Stuttgart 1969. Über die Funktionen eines Hüttenbeamten in Neunkirchen informiert 
das Tagebuch eines zeitgenössischen Werksangestellten: Vgl. Jung 1993. Vor allem gibt dieses Dokument 
Aufschluss über das oft spannungsvolle Verhältnis des .Firmenpatriarchen zu seinen Angestellten und 
Funktionsträgern. In der Zwischenkriegszeit sorgte dann ein Korruptionsskandal für Aufsehen im Werk. 
Mehrere Angestellte unterschlugen insgesamt 48488 Francs. Bei dem Tathergang insgesamt verwundert 
die Dreistigkeit, mit der die Delinquenten über mehrere Jahre hinweg vorgingen. Eventuell ist dies ein Be¬ 
leg für die zunehmende Anonymisierung der Verwaltungsstrukturen. Über die Angelegenheit liefern ei¬ 
nige Dokumente im Depositum der Saarstahl AG Auskunft: StA Nk, Dep. Saarstahl AG, 156-1-6-1913-33. 
13" Vgl. Banken 1003, S. 336. 
138 Vgl. Frühauf 1980, S. 69; Sander 1005, S. 197-303. 
139 Vgl. Stadtverwaltung Neunkirchen (Hrsg.) 1955, S. 118. 
140 Vgl. Behringer/Clemens 1009, S. 95 f. 
141 Vgl. Frühauf 198 o, S. 97. 
69
	        

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