Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

endgültig der Sprung zum Großbetrieb. Dabei musste das Werk gleich zu Beginn seiner 
Amtszeit eine geradezu existenzielle Krise überstehen. 
In der Anlangsphase der „Ara Stumm“,116 wie die Firmenleitung des später nobilitierten 
Unternehmers und freikonservativen Politikers bezeichnet wird, untermauerte das Neun- 
kircher Eisenwerk durch weitere technologische Neuerungen und Betriebserweiterungen 
seine Position. 187z nahm die werkseigene Kokerei ihren Betrieb auf. Bis 1878 arbeiteten 
19z Koksölen, die nahezu den gesamten Koksbedarf des Werks abdeckten. Im gleichen 
Jahr waren sechs Hochöfen in Betrieb, 1850 waren es noch vier.11 Nach dem Deutsch- 
Französischen Krieg erwarb die Hütte zudem Erzkonzessionen in Deutsch-Lothringen 
und konnte dadurch ihre Rohstoffbasis erweitern.118 Die Zahl der Puddelöfen stieg zwi¬ 
schen 185z und 1866 von zo auf 38 und zog, den Synergieeffekten gemischter Werke ent¬ 
sprechend, Erweiterungen der Walzanlagen nach sich.119 Das Puddelwerk stellte in die¬ 
ser Phase gewissermaßen den Motor des Gesamtbetriebes. Allerdings zeichnete sich zu 
Beginn der Ara Stumm schon deutlich der Niedergang der Puddeltechnologie ab. Seit 
den i86oern setzte sich nach und nach das Bessemerverfahren, ein auf großen Konvertern 
basierendes Flussstahlverfahren, durch. Die neue Konvertertechnik war dem Puddelpro- 
zess in Quantität, Qualität und Effizienz des Darstellungsprozesses weit überlegen. Da die 
stark phosphorhaltigen lothringischen Minetteerze die Anwendung des Bessemerverfah¬ 
rens nicht erlaubten, büßte das Neunkircher Eisenwerk schnell seine Marktposition ein. 
1876 musste die Produktion schweißeiserner Schienen eingestellt werden.120 
Die tiefgreifende Strukturkrise konnte mit der Einführung des Ihomasverfahrens, das 
weiter oben geschildert wurde, überwunden werden. 1880 erwarb die Firma Gebrüder 
Stumm die Lizenz zur Anwendung der neuen Technologie, und schon im Folgejahr wurde 
in Neunkirchen der erste Thomasstahl erblasen. Zwar wurde auch weiterhin Puddeleisen 
hergestellt,121 aber die werksinterne Führungsrolle übernahm seit den 1890cm, nach nicht 
116 Zu diesem Begriff vgl. u.a. Ebenau 1990, S. 3; Hellwig 1936, Kapitel XIV. Es wäre verfehlt, die¬ 
ses Schlagwort allein auf die herausragende Bedeutung Karl-Ferdinand Stumms als Unternehmer zu 
beziehen. Mit dem Begriff sind in ebenso starkem Maße seine Aktivitäten als Politiker sowie seine cha¬ 
rakteristische Arbeiterpolitik verbunden. Diese Aspekte des Stummschen Wirkens werden im weiteren 
Verlauf der Arbeit noch ausführlich thematisiert. Hier geht es zunächst um die ökonomische Entwick¬ 
lung des Werks und den diesbezüglichen Beitrag Stumms als Unternehmer. 
117 Vgl. Frühauf 1980, S. 61. 
118 Vgl. ebd., S. 53-60. Auf den lothringischen Erzfeldern entstanden zudem Hochofenwerke, um 
die Roheisenzufuhr sicherzustellen. Vgl. Banken Z003, S. 191-195. Das bedeutendste lothringische 
Zweigwerk des Stummkonzerns befand sich in Ückingen. 
119 Vgl. Frühauf 1980, S. 63. 
120 Vgl. ebd., S. 63 f. 
!21 Zu Recht verweist Heinz Gillenberg auf die nach wie vor hohe Bedeutung des Puddeleisens. Vgl. Gil¬ 
lenberg, Heinz: Puddelverfahren, Dampfmaschine und Thomasstahl. Zur Rolle der Familie Stumm 
bei der technischen Entwicklung der Saarhütten, in: Dülmen, Richard van/jACOB, Joachim (Hrsgg.): 
Stumm in Neunkirchen. Unternehmerherrschaft und Arbeiterleben im 19. Jahrhundert. Bilder und Skiz¬ 
zen aus einer Industriegemeinde (Saarland-Bibliothek, Bd. 5), St. Ingbert 1993, S. 39-59, hier S. 50. 
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