Volltext: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

einzelnen Dörfern oder ländlichen Gebieten und der Industriestadt Neunkirchen zu 
gewinnen. Interessant wäre ferner der Vergleich mit anderen saarländischen Industrie¬ 
gemeinden wie Burbach, Völklingen oder Dillingen.14 Die einseitige Konzentration der 
saarländischen Arbeiterhistoriographie auf die Bergleute muss einer angemessenen Be¬ 
rücksichtigung der zahlenmäßig starken und gerade durch ihre Alleinstellungsmerkmale 
so interessanten Hüttenarbeiterschaft weichen. Zu diesem Zweck müssen sich künftige 
Arbeiterhistoriographen auch verstärkt ,in den Betrieb wagen, das heißt den Bereich der 
Arbeit aufwerten, auch wenn die Quellen häufig nur schwer zugänglich sind. 
Prinzipielle Probleme sowie Anknüpfungspunkte für weitere Tiefenbohrungen erga¬ 
ben sich ferner im ausführlich diskutierten Bereich der Organisationsgeschichte. Es war 
ein ausdrückliches Ziel der Studie, das Organisations- und politische Partizipationsver¬ 
halten der Eisen- und Stahlarbeiter von Neunkirchen und Düdelingen nachzuzeichnen. 
Um dies vollständig bewältigen zu können, hätte es allerdings einiger Quellen bedurft, 
die nicht zur Verfügung standen. Um etwa die genaue Beteiligung der Hüttenarbeiter an 
eien lokalen Gewerkschaftsorganisationen quantitativ zu eruieren, wäre man beispiels¬ 
weise auf örtliche Mitgliederlisten des DMV oder des BMIAV angewiesen gewesen. 
Gleiches gilt für die lokalen Vereine, die als konkurrierendes Organisationsangebot mo¬ 
delliert wurden. Hilfreich für weitere Analysen wären etwa Mitgliederlisten aus zeit¬ 
genössischen Vereinen oder konfessionellen Vereinigungen gewesen, die aber zugleich 
über die Berufe der verzeichneten Personen hätten informieren müssen. 
Mangels derartiger Dokumente mussten Rückschlüsse von der allgemeinen Or¬ 
ganisationsgeschichte auf den Anteil der Hüttenarbeiter an ihr gezogen werden. Der 
Politisierungsgrad der Hüttenarbeiterschaften und ihre Partizipation an den lokalen 
Organisationen dürften in der Zwischenkriegszeit hoch gewesen sein. Aus verschie¬ 
denen Gründen scheint diese Annahme legitim zu sein. Zum einen stellten die Eisen- 
und Stahlarbeiter die soziodemographisch bedeutendste Gruppe beider Städte und die 
gleichsam ,natürliche' Klientel von Freien Gewerkschaften und Arbeiterparteien. Es 
scheint logisch, dass sie auch das Rückgrat der seit etwa 1916 zum Durchbruch gelan¬ 
genden Arbeiterorganisationen stellten. Zum anderen deuten andere Quellengattungen 
und Informationen auf den gestiegenen Politisicrungsgrad der Hüttenbelegschaften hin. 
Für Düdelingen wäre dabei an die Polizeiprotokolle zu denken, welche die vermehrten 
politischen Aktivitäten auf der Hütte während des Märzstreiks, aber auch schon in den 
Vorjahren klar aufzeigen. Für den Neunkircher Fall sind etwa die zunehmenden Erfol¬ 
14 Auch zu den anderen bedeutenden Saarhütten fehlen bislang integrierende Studien über die Arbei¬ 
terbelegschaften. Für die Dillinger Hütte, die Teil der Stumm-Gruppe war, erschien jüngst eine Jubi¬ 
läumsschrift, welche die wichtigsten thematischen Bereiche für ein solches Unterfangen vorgibt. Vgl. 
AG der Dillinger Hüttenwerke (Hrsg.): 315 Jahre Dillinger Hütte (3 Bde.), Dillingen zoio. Das 
Werk ist untergliedert in drei Bände, die mit „Chronik“, „Menschen“ und „Technik“ überschrieben 
sind. Besonders der Band „Menschen“ liefert wichtige Ansatzpunkte für eine Geschichte der Dillinger 
Hüttenarbeiter, geht es doch unter anderem um die Arbeitsbedingungen, um das Verhältnis zur Unter¬ 
nehmensleitung sowie um Aspekte der Freizeitgestaltung. 
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