Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

Bei allen branchenbedingten Gemeinsamkeiten zwischen beiden Untersuchungsor- 
ten: Es offenbarten sich auch signifikante Unterschiede. Das Neunkircher Eisenwerk re¬ 
krutierte sein Personal fast ausschließlich aus dem näheren und mittleren Umland, wäh¬ 
rend die Düdelinger Hütte arbeitsmarktbedingt auch auf Fernmigration angewiesen 
war. Besonders die seit den 1890er Jahren massiv präsenten italienischen Zuwanderer 
prägten Hüttenbelegschaff und Industriegemeinde. Während die Neunkircher Hütten¬ 
arbeiterpopulation regional betrachtet einem recht homogenen Umfeld entstammte, 
zeichnete sich die Düdelinger Arbeiterschaft durch eine weitreichende soziokulturelle 
und nationale Segmentierung aus. Die starke Präsenz der Italiener hatte ambivalente 
Folgen. Zum einen beförderte sie die Ausdifferenzierung der Gesamtbelegschaft; zum 
anderen aber hob sie eine mögliche Atomisierung der Arbeiterbevölkerung ein Stück 
weit auf, indem sich den Zuwanderern in einer fremden und bisweilen feindseligen Um¬ 
gebung die Möglichkeit bot, sich im Betrieb wie außerhalb mit ihren Landsleuten zu¬ 
sammenzuschließen. Die Zuwanderung forcierte somit Gruppenbildung auf kleinerer 
Ebene. Gerade bei auftauchenden Spannungen wurde dieser negative Inklusionseffekt 
wirksam: Wie an verschiedenen wilden Streiks verdeutlicht wurde, entwickelten die 
Italiener ein eigenes Protestverhalten bei (vermeintlichen) Missständen. Somit konnte 
auch gezeigt werden, dass die Italiener in Luxemburg nicht, wie vielfach gerade von zeit¬ 
genössischen Gewerkschaftern wenigstens implizit unterstellt, Lohndrücker oder eine 
willfährige Manövriermasse in den Händen der Stahlbarone waren. 
Unterschiedliche Entwicklungen offenbarte auch die Analyse der lokalen Arbei¬ 
terbewegungen. Rein chronologisch betrachtet verlief die Organisationsgeschichte an 
beiden Orten im Großen und Ganzen parallel: Nachdem vor 1914 weitgehend Ruhe 
geherrscht hatte, markierte der Erste Weltkrieg einen tiefen Einschnitt und in der Zwi¬ 
schenkriegszeit spielten die Arbeiterorganisationen - von einzelnen Stagnationsphasen 
abgesehen - eine wichtige Rolle im politischen und gesellschaftlichen Leben. Bei ge¬ 
nauerem Blick offenbarten sich im Laufe der Untersuchung aber auch in diesem Punkt 
gravierende Unterschiede. Es wurde erstens gezeigt, dass in Diidelingen die Arbeiter¬ 
parteien gegenüber den Industriegewerkschaften von eher untergeordneter Bedeutung 
blieben. In Neunkirchen hatten die Arbeiterparteien hingegen einen höheren Stellen¬ 
wert und waren eng verzahnt mit den lokalen Gewerkschaften. So kam es bereits im 
Zuge der Novemberrevolution zur Kooperation von Partei- und Gewerkschaftsfunktio¬ 
nären im städtischen Arbeiterrat. Zweitens war festzustellen, dass die aus dem Weltkrieg 
ererbte Spaltung der Arbeiterbewegung in Neunkirchen mit voller Wucht zum Durch¬ 
bruch kam, bis die SPD von der KPD sogar überflügelt wurde und die RGO zum DMV 
ernsthaft in Konkurrenz trat. In Düddingen spielten die Kommunisten nie eine Rolle, 
sodass auch die Spaltung der Arbeiterbewegung - die auch im Großherzogtum hier 
und da zum Vorschein kam - kein Thema wurde. Damit eng verflochten ist ein dritter 
Gesichtspunkt: Die geistig-politische Atmosphäre war in Düdelingen im Vergleich zu 
Neunkirchen, aber auch zu anderen Industriegemeinden im Minettebassin deutlich mo¬ 
derater. In Neunkirchen manifestierten sich die weltanschaulichen Grabenkämpfe der 
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