Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

Wessel Neunkirchens verklärt. 8 All diese Vorkommnisse waren gleichsam Vorboten¬ 
gefechte mit Blick auf die heiße Phase des Saarabstimmungskampfes, dessen Fronten 
bereits im Vorfeld klar abgesteckt waren. 
Im Oktober 1933 traten die bürgerlichen Parteien Neunkirchens der Deutschen 
Front bei, wodurch der bis dahin keineswegs dominanten NSDAP die lokale Führungs¬ 
rolle zukam. Ihre erste Maßnahme im Stadtrat nach der Konstitution des Rechtsbünd¬ 
nisses bestand darin, Hitler zum Neunkircher Ehrenbürger zu ernennen. Außerhalb des 
Stadtparlaments verstärkten Nationalsozialisten und Deutsche Front den Druck auf 
ihre Gegner. Bereits am 21. September hatte ein Stoßtrupp der SA eine Kneipe überfal¬ 
len, die besonders von Aktivisten der Arbeiterbewegung frequentiert wurde. Daneben 
wurde die Rückgliederungspropaganda vor Ort intensiviert. S,H 
Diese fand nicht zuletzt auf der Hütte insofern ein günstiges Terrain vor, als die 
Werksoberen in vielerlei Weise ihre Sympathien für das nationalsozialistische Deutsch¬ 
land offen bekundeten. So wurde am 1. Oktober 1933, also lange bevor die Rückglie¬ 
derung faktisch besiegelt wurde, auf dem Werk der Hitlergruß eingeführt. Am 1. Mai 
1934 tat sich das Unternehmen, wie gezeigt wurde, in der Gestaltung einer nationalsozi¬ 
alistischen Maifeier hervor. Bereits am 1. März hatte die Volksstimme getitelt: „Wieder 
Stumm-Hilger System im Neunkircher Eisenwerk.“ 89 Zwar war der unternehmerische 
Versuch, im Windschatten der Deutschen Front zu einer restriktiven Arbeiterpolitik 
alten Stils überzugehen, naheliegend; dennoch stößt sich der Vergleich mit der Ära 
Stumm etwas an den politischen Realitäten, hatte doch die Arbeiterbewegung mittler¬ 
weile eine gefestigte Stellung im Werk erobert. Vielmehr scheint es so, als hätten sich 
die in Neunkirchen tobenden geistig-politischen Auseinandersetzungen auf der Hüt¬ 
te brennspiegelartig verdichtet. Gleichwohl - dies sollte trotz des Machtzuwachses der 
Arbeiterbewegung nicht vergessen werden - blieben die Arbeitgeber in einer stärkeren 
Position. So wurden bereits 1933 einige Arbeiter entlassen, die sich dem pro-nationalso¬ 
zialistischen Kurs der Werksdirektion gegenüber kritisch zeigten. 90 
Die Arbeiterorganisationen stellten sich dem Druck der Deutschen Front entgegen. 
Dies geschah auf mehreren Ebenen. Zum einen schlossen sich die lokalen Organisati¬ 
onen zur Einheitsfront zusammen. Die Führung in Neunkirchen übernahm jener Her¬ 
mann Petri, den die kommunistische Arbeiterzeitung noch im Mai 1928 als „gewissen- 
8 Vgl. ebd., S. 337. 
788 Vgl. Ebenau 1990, S. 92ff. 
789 Die Volksstimme, 1. Marz 1934. Gemeint ist der ehemalige Leiter der preußischen Bergwerksdirek¬ 
tion zu Saarbrücken Ewald Hilger, der als Verfechter einer intransigenten Arbeiterpolitik im Bergbau in 
gewisser Weise als Pendant Stumms angesehen werden kann. 1904 erfuhr er reichsweite Aufmerksam¬ 
keit, als er einen Bergmann wegen vermeintlicher Verleumdung anklagte. Zwar ging Hilger formal als 
Sieger aus dem Prozess hervor, aber die rückständige und repressive politische Atmosphäre im Saarre¬ 
vier rückte mit diesem Prozess erstmals in den Fokus der reichsweiten Öffentlichkeit. Vgl. dazu Paul/ 
Mallmann 1995, S. 163 f. 
790 Vgl. Ebenau 1990, S. 94 f. 
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