Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

Regie befindliche Bergbau im Betrachtungszeitraum seine Führungsfunktion und blieb 
„wichtigster Standortfaktor für die Bildung der Industrieregion“.* 24 Da in der vorliegen¬ 
den Untersuchung aber die Hüttenindustrie im Fokus steht, sollen nun die Struktur und 
die Entwicklung der saarländischen Eisen- und Stahlproduktion während des Betrach¬ 
tungszeitraums in aller Kürze rekapituliert werden. 
Mehrere große Betriebe markierten die Eckpfeiler der Saar-Hüttenindustrie. Dies 
waren vor allem die Werke in Neunkirchen, Burbach, Völklingen und Dillingen so¬ 
wie, zumindest zeitweise, auch diejenigen in Haiberg und St. Ingbert. Letztgenanntes 
Werk war das einzige größere Werk auf bayerischem Territorium. Daneben existierten 
verschiedene kleinere Unternehmungen.2^ Die Wachstumsraten in der Produktion von 
Roheisen und Stahl geben einen Eindruck von der Expansion der Branche. Die Rohei¬ 
senproduktion stiegvon 6.633 Tonnen im Jahre 1850 auf 1.370.980 Tonnen im Jahre 1913, 
während die Stahlproduktion im gleichen Zeitraum von 15.386 Tonnen auf 1,8 Millio¬ 
nen Tonnen anwuchs.26 Am Vorabend des Ersten Weltkriegs blieb das Saarrevier damit 
zwar hinter dem Ruhrgebiet und dem lothringischen Minettebassin zurück, konnte 
aber andere Industriereviere wie Oberschlesien überflügeln.2 Einen zweiten Indika¬ 
tor für die Bedeutung der Eisen- und Stahlindustrie liefern die Beschäftigungszahlen: 
Während zu Beginn des Take-offs (1850) 1.368 Personen auf den Hütten des Saarreviers 
beschäftigt waren, stieg diese Zahl bis 1913 auf 31.2.20.28 Im Gegensatz zum staatlichen 
Bergbau funktionierte die Hüttenindustrie bereits seit der napoleonischen Zeit auf 
privatkapitalistischer Basis, wobei schon früh ein Trend zu Verflechtungen, Marktab¬ 
sprachen und Interessengemeinschaften zu erkennen war. Lange Zeit übte die Stumm- 
Gruppe mit Stammsitz in Neunkirchen, Besitz in Haiberg und führender Beteiligung in 
Dillingen einen überragenden Einfluss aus.29 
Die Branche zeichnete sich insgesamt viel stärker als der Bergbau durch ihre perma¬ 
nente technologische Weiterentwicklung aus. Neue Verfahren und technische Innova¬ 
tionen verliehen dem Sektor eine große Dynamik. Zu nennen sind unter anderem die 
stetige Verbesserung und Vergrößerung der Hochöfen, die Einführung des Puddelver- 
den. Vgl. dazu Thomes, Paul: Wandlungen in der Eisenindustrie. Die Saareisenindustrie - innovative 
Unternehmer am suboptimalen Standort?, in: Herrmann, Hans-Walter/WYNANTS, Paul (Hrsgg.): 
Wandlungen der Eisenindustrie vom 16. Jahrhundert bis i960 (Colloques Meuse-Moselle, Bd. 1), Na- 
mur 1997, S. 293-309. 
24 Banken 2002, S. 62. 
25 Ralf Banken zählt in seiner umfangreichen zweibändigen Studie über die Industrialisierung der Saar¬ 
region auch das Werk im lothringischen Stiring zu den Saarhütten. In den folgenden, Banken entnom¬ 
menen Zahlen sind also auch die Stiringer Zahlen enthalten, was zu leichten Verzerrungen führen mag. 
Vgl. Banken 2003, Kap. 3.3. 
26 Vgl. ebd., S. 285 und 297. 
2 Vgl. ebd., S. 510. 
2X Vgl. ebd., S. 307. Im Bergbau waren am Vorabend des Ersten Weltkriegs bereits über 70.000 Men¬ 
schen beschäftigt. Vgl. ebd., S. 29. 
29 Vgl. Banken 2002, S. 76. 
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