Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

Phase beschleunigten Wachstums eine „Zeit der industriellen Rede mit einem weiterhin 
beachtlichen Wachstum“ls bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs an. Selbstverständ¬ 
lich ist der so markierte Zeitraum von rund ioo Jahren auch als Einheit mit fließenden 
Übergängen zu betrachten, bildeten sich doch zahlreiche Kontinuitäten und zeitlich 
iibergreifende Strukturmerkmale heraus. Auf der anderen Seite wurden auch die Phasen 
beschleunigten Wachstums immer wieder von Krisen und Rezessionen unterbrochen.18 19 
Das Ende der Industrialisierung im engeren Sinne fällt, folgt man der einschlä¬ 
gigen Forschungsliteratur, zeitlich mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zusam¬ 
men.20 Der kontextuelle Bogen muss in der vorliegenden Studie aber weiter gespannt 
werden, reicht doch der Untersuchungszeitraum bis in die 1930er Jahre. War das Saar¬ 
revier bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu einem der führenden Wirtschaftsge¬ 
biete des Reiches aufgestiegen, so begann nun in ökonomischer Hinsicht eine veritable 
„Achterbahnfahrt“.21 Wie andere Regionen auch, musste das Saarrevier mit dem Krieg 
und seinen Folgeerscheinungen, etwa der Umstellung auf die Friedenswirtschaft, fertig 
werden. Zudem wirkte sich der politische Umbruch, also die Loslösung von Deutsch¬ 
land und die wirtschaftliche Anbindung an Frankreich, spürbar aus. Den Jahren einer 
relativen Stabilisierung, in welcher die Saarwirtschaft aber ebenfalls mit zahlreichen 
Strukturproblemen wie der diffizilen Rohstoffversorgung zu kämpfen hatte, folgte mit 
dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 1930er Jahre eine sozioökono- 
mische Krisenzeit ersten Ranges.22 Die diachrone Entwicklung des Neunkircher Eisen¬ 
werks vollzog sich innerhalb dieses grob abgesteckten Rahmens. 
An Kohärenz gewann der Wirtschaftsraum vor allem durch die überragende Bedeu¬ 
tung der beiden Leitsektoren, des Steinkohlenbergbaus und der Eisen- und Stahlindus¬ 
trie. Dank der beachtlichen Produktion auf beiden Sektoren entwickelte sich das Saar¬ 
revier zu einem der führenden deutschen Industriegebiete. Der Aufstieg gelang trotz 
einiger massiver Standortnachteile, unter denen insbesondere die politische Grenzlage, 
welche oftmals eine langfristige Planung erschwerte, die schnell aufgebrauchten oder 
qualitativ minderwertigen Rohstoffvorkommen sowie die wenigstens anfänglich in¬ 
suffiziente Verkehrsanbindung zu nennen wären.21 Dabei behielt der unter staatlicher 
18 Banken 2.002, S. 98. 
19 Als Kontinuitätslinien benennt Banken etwa die Eigentumsverhältnisse und die unternehmerische 
Arbeiterpolitik. Vgl. ebd., S. 99. Wie die gesamte reichsdeutsche Wirtschaft war die Saarwirtschaft auch 
von der Gründerkrise in den 1870cm betroffen. 
20 So etwa bei Kiesewetter, Hubert: Industrielle Revolution in Deutschland. Regionen als Wachs¬ 
tumsmotor, Stuttgart 2004, S. 19-22. Ein Überblick über verschiedene Periodisierungsansätze vgl. ebd. 
21 Behringer/Clemens 2009, S. 95. 
22 Zur krisenhaften Entwicklung der Saarwirtschaft während der Zwischenkriegszeit vgl. Latz, 
Rolf E.: Die saarländische Schwerindustrie und ihre Nachbarreviere 1878-1938. Technische Entwick¬ 
lung, wirtschaftliche und soziale Bedeutung, Saarbrücken 1985, u. a. S. 134 h und 141-146. 
2' Diese Probleme beschäftigten die Saarindustrie im gesamten Betrachtungszeitraum und konnten 
nur durch technische Innovationen, unternehmerisches Engagement sowie die Erschließung neuer 
Rohstoffquellen wie etwa nach dem Deutsch-Französischen Krieg in Lothringen kompensiert wer- 
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