Volltext: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

derzahl des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADBG) auf- 8,03 Millionen.2 5 
Die luxemburgischen Industriegewerkschaften wurden, trotz einiger Vorläufer, in der 
zweiten Kriegshälfte überhaupt erst aus der Taute gehoben.2 6 Polemisch überspitzt lie¬ 
ße sich behaupten, dass die Gewerkschaften die Chance, die ihnen die allgemeine Kri- 
sensituation bot, positiv nutzten. Zusammen mit den Gewerkschaften konnte die SPD 
ihren Aufschwung, der ihr schon 1912 einen epochalen Triumph bei den Reichstagswah¬ 
len beschert hatte, weiter fortsetzen, bis sie als stärkste Partei Regierungsverantwortung 
übernahm.* 2 Dabei profitierte die Sozialdemokratie vom Vertrauensverlust des alten 
Systems: Aut der von den .alten Eliten systematisch ausgegrenzten Partei ruhten die 
Hoffnungen nicht nur auf ein baldiges Kriegsende, sondern auch auf eine bessere Zu¬ 
kunft. Außerdem verlieh die russische Oktoberrevolution - ganz unabhängig von ihrer 
ambivalenten Rezeption durch deutsche und europäische Arbeiterfunktionäre - der 
politischen Arbeiterbewegung einen beträchtlichen Schub, gab doch die Entwicklung 
in Moskau Hoffnung auf baldige politische Veränderungen. 
Nachhaltige und folgenreiche Auswirkungen zeitigte der Erste Weltkrieg auch im 
Hinblick auf die innere Struktur der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung: Die sich 
bereits vor 1914 andeutende Spaltung wurde im Zuge des Krieges abgeschlossen und 
prägte ganz wesentlich das politisch-weltanschauliche Klima der Zwischenkriegszeit.2 8 
Schon in der Vorkriegszeit verliefen tiefe Risse durch die sozialdemokratische Bewe¬ 
gung. In Deutschland wie auch andernorts entzündete sich der Konflikt vor allem an der 
Frage nach dem richtigen Umgang mit der marxistischen Theorie. Im Anschluss an Edu¬ 
ard Bernstein und andere Theoretiker gewann seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert die 
revisionistische Strömung immer mehr an Boden. Da das kapitalistische System, so die 
Überzeugung, sich als relativ krisenfest erwiesen habe, sollte der Weg zum Sozialismus, 
der als Endziel nicht angetastet wurde, über Reformen und partielle Kooperation mit 
den Vertretern des bestehenden Systems erreicht werden. Die revisionistische Theorie 
wurde in eine dezidierte Realpolitik umgemünzt, welche trotz scharfer Anfeindungen 
von Seiten des .marxistischen Zentrums' (Bebel, Kautsky) wie auch der .marxistischen 
Orthodoxie' (Luxemburg, Liebknecht) immer mehr das alltägliche Geschäft der deut¬ 
schen Sozialdemokratie bestimmte.2 9 
2 1 Zahlen nach ebd., S. 314 f. 
2 6 Vgl. Steil 1992, S. 132 f. 
2^ Vgl. Miller/Potthoff T991, S. 78-86. 
2 s Zur Spaltung der sozialdemokratischen Bewegung in den Jahren vor, während und nach dem Ersten 
Weltkrieg vgl. Lesnik, Avgust: Die sozialdemokratische Bewegung am Kreuzweg zwischen 1914 und 
1923, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 3 (2004), S. 31-50. 
19 Zur Revisionismusdebatte vgl. Miller/Potthoff 1991, S. 66-72. Der Terminus des Revisionis¬ 
mus hatte, aus der marxistischen Theorie kommend, ursprünglich eine entschieden negative Konnota- 
tion. Vgl. ebd., S. 66. Das Schlagwort bezeichnet mittlerweile aber neutral eine bestimmte Strömung 
innerhalb der Sozialdemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Vgl. außerdem Meyer, Thomas: 
Das Erbe von Karl Marx und die deutsche Sozialdemokratie, in: Geschichte in Wissenschaft und Un¬ 
terricht 35 (1984), S. 737-745, hier S. 741 ft. 
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