Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

erst später, nach der Jahrhundertwende, Fuß und blieben nach dem Ersten Weltkrieg 
deutlich hinter der freigewerkschaftlichen Konkurrenz zurück.242 
In Neunkirchen wurde 1903 ein katholischer Arbeiterverein gegründet, bezeich¬ 
nenderweise erst nach dem Tod des Kulturkämpfers Stumm. Trotz oder gerade wegen 
dessen antikatholischer Haltung kam es während des Kulturkampfes in Neunkirchen 
zu Auseinandersetzungen. 1873 sprach Georg Friedrich Dasbach in Neunkirchen, seine 
Zuhörer entstammten laut Polizeiberichten vor allem der „ungebildeten Volksklasse“. 
Etwa zur gleichen Zeit kam es zu Tumulten am Bahnhof, als ein Kaplan verhaftet wurde 
und nach Saarbrücken überstellt werden sollte. Zu dieser Gelegenheit wurden mehrere 
Personen festgenommen.243 Der betreffende Kaplan Goergen musste immerhin für an¬ 
derthalb Jahre ins Gefängnis. Ferner mussten einige im Schuldienst befindliche Ordens¬ 
schwestern ihren Dienst quittieren.244 245 Das katholische Oppositionspotenzial gegen den 
protestantischen Obrigkeitsstaat wurde dann 1903 im Arbeiterverein in feste institutio¬ 
neile Formen gegossen. An der Spitze des zum 1. Januar seine Tätigkeit aufnehmenden 
Vereins stand, ganz im Sinne der Präsesverfassung, Pfarrer Dr. Mönch, sein Stellvertreter 
war Kaplan Kaster. Der katholische Arbeiterverein Neunkirchen bezweckte laut Grün¬ 
dungsurkunde „die religiöse, sittliche, soziale und wirtschaftliche Hebung des Arbeiter¬ 
standes nach den Grundsätzen der päpstlichen Enzyklika Leos XIII. Reruin novarum“. 
Organisatorisch war er dem Verband der katholischen Arbeitervereine mit Sitz in Berlin 
angeschlossen. Aus dem Gesamtverein, der sich einmal monatlich zu Versammlungen 
traf, entstanden berufsgruppenbezogene „Fachabteilungen“: „Die Mitglieder der katho¬ 
lischen Arbeitervereine ordnen ihre beruflichen Interessen in den Berufsgruppen, den 
sogenannten Fachabteilungen, deren in Neunkirchen drei bestehen: die Fachabteilung 
der Metallarbeiter, der Bergarbeiter und der gemischten Gruppe mit zusammen etwa 
300 Mitgliedern!1 
Unterstützung in Notfällen, Verbesserung von Arbeitsschutz und Arbeitsbedin¬ 
gungen sowie Bildung durch Vorträge und ähnliches hatten sich Fachabteilungen wie 
Gesamtverein auf die Fahnen geschrieben. Dabei war man bestrebt, „einen vermitteln¬ 
den Einfluss bei Festsetzung der Lohn- und Arbeitsbedingungen für die Mitglieder 
auszuüben“. Dies entsprach der wirtschaftsfriedlichen Grundorientierung. Während 
in den drei Fachvereinen überschaubare 300 Personen organisiert waren, zählte der 
Gesamtverein immerhin 1.300 Mitglieder,244 die umliegenden Ortschaften wie Welles- 
weiler mit eingerechnet.246 * 1907 entstand noch ein evangelfscher Arbeiterverein, der 
aber in Bedeutung und Umfang gegenüber dem katholischen Pendant zurückgeblieben 
242 Vgl. Sander 1984: Zenner 1984, S. 76 f. 
243 Vgl. Mallmann 1984, S. 208-111. Zitat ebd., S. 209. 
244 Vgl. Britz 2003a, S. 368 f. 
245 Nach Ebenau 2005 zählte der Verein 1906 1.100 Mitglieder. 
246 Alle Angaben zum katholischen Arbeiterverein Neunkirchen aus: Pfarr-Kalender der katholischen 
Kirchengemeinde Neunkirchen (Bezirk Trier) für das Jahr 1908, S. 38. Alle Zitate ebd. 
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