Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

operiert und die nicht-sozialistischen Organisationen mit einbezieht - praktisch nicht 
vorhanden war. Die wenigen Ansätze beschränkten sich wohl auf Handwerksgesellen 
außerhalb des Eisenwerks, während die christlichen Organisationen in der Bergarbeiter¬ 
schaft: ein gewisses Rekrutierungspotenzial vorfanden. Unter der Hüttenarbeiterschaft 
herrschte bis 1914 in politisch-emanzipatorischer Hinsicht eine veritable Friedhofsruhe. 
1.2 Versammlungstätigkeit, Organisationsbemühungen, 
Rückschläge: Düdelingen 
Im ersten Teil eines zweiteiligen Aufsatzes bemerkte der luxemburgische Gewerkschafts¬ 
historiograph Henri Koch: „Der Syndikalismus war um 1914 eine Bewegung von klei¬ 
nen Minoritäten. [...] [Bis 1914] blieb die Luxemburger Arbeiterorganisation unan¬ 
sehnlich und ohne Einfluß.“ *11 Tatsächlich feierten die Organisationen der politischen 
Arbeiterbewegung erst im Zuge des Ersten Weltkriegs ihren vollständigen Durchbruch. 
Dennoch gab es auch vorher durchaus bereits Ansätze, die es zwar an Breitenwirksam¬ 
keit weitgehend vermissen ließen, an die sich organisatorisch allerdings anknüpfen ließ. 
Die luxemburgische Gewerkschaftsbewegung bildete im 19. Jahrhundert Vorformen 
aus, die mit den späteren Massenorganisationen eher wenig gemein hatten. Überliefert 
sind unter anderem protogewerkschaftliche Gruppierungen der Brauer, Buchdrucker 
(1864), Tabakarbeiter (1889) oder Handschuhmacher (1894). Bisweilen gelang es - wie 
1871 den Buchdruckern - Tarifverträge mit dem Patronat abzuschließen.40 41 Zu den frü¬ 
hen Organisationsformen sind auch die weiter oben beschriebenen Arbeiterunterstüt¬ 
zungsvereine zu zählen. Die frühen Vereine funktionierten auf genossenschaftlicher 
Basis. Es handelte sich um Berufsvereine, weniger um Gewerkschaften im eigentlichen 
Sinne, schon gar nicht um Industrieverbände mit einer hochkomplexen Organisations¬ 
struktur. Den wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten des Großherzogtums 
entsprechend lag der Schwerpunkt der Organisationen seit dem industriellen Take-off 
- außer in Luxemburg-Stadt - im Kanton Esch. 
Erst nach der Jahrhundertwende, im August 1903, wurden Gewerkschaften im 
engeren Sinne aus der Taufe gehoben. Neben Organisationen für Maurer, Maler und 
Anstreicher, Holzarbeiter und Schuhmacher entstand in diesem Jahr auch die Metall¬ 
arbeiter-Gewerkschaft (MAG), die sich „an die Massen der Industriearbeiter“ wenden 
sollte.42 43 Die quantitative Entwicklung bis 1914 indiziert aber, dass dieser Anspruch nicht 
erfüllt werden konnte: Spätestens 1908 wurde ein Gewerkschaftskartell aller freien Ver¬ 
einigungen gegründet,41 dem zum Zeitpunkt der Gründung gerade mal 888 Personen 
40 Koch 1977, S. 495. Unter „Syndikalismus“ wird hier ganz allgemein die Gewerkschaftsbewegung 
verstanden, nicht etwa die anarcho-syndikalistische Richtung innerhalb des linken Spektrums. 
41 Vgl. ebd., S. 483 f. Zur Vorgeschichte des luxemburgischen Gewerkschaftswesens vgl. auch Vom 
Berg- und Hüttenarbeiterverband über den LAV zum OGB-L 1986, S. 4. 
42 So jedenfalls gemäß Koch 1977, S. 494. 
43 Die Datierung schwankt: Ben Fayot gibt 1908 als Gründungsdatum an. Siehe Fayot 1979, S. 135- 
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