Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

Düdelingen Hüttenstädte im soziodemographischen Sinne waren, das heißt, dass die 
Hüttenarbeiterpopulationen ein beträchtliches Quantum der Gesamteinwohnerschaft 
und der lokalen Arbeiterschaft im Speziellen stellten. Wenn also die sozialistisch-sozial¬ 
demokratischen Organisationen mit der Zeit immer mehr Zulauf fanden, so ist davon 
auszugehen, dass sich der Organisationsgrad und damit die Politisierung auch innerhalb 
der Hüttenarbeiterschaft selbst erhciht haben. 
V Blockierte Bewegung: Organisationsgeschichte bis 1914 
1 Organisationsansätze vor dem Ersten Weltkrieg 
1.1 Politische Friedhofsruhe im „saarabischen 
System der Eisenindustrie“: Neunkirchen 
„Dies Gebiet ist bis jetzt noch eine vollständige terra incognita“, kommentierte August 
Bebel im Jahr 1891 die Situation der politischen und freigewerkschaftlichen Arbeiterbe¬ 
wegung im Saarrevier, wo die von ihm geführte Sozialdemokratie bis dahin so gut wie 
überhaupt nicht reüssieren konnte.10 Bis zu diesem Zeitpunkt und noch einige Jahre da¬ 
rüber hinaus kam die Sozialdemokratie trotz der rapiden industriellen Entwicklung des 
Reviers nicht über einige wenige zarte Organisationsansätze hinaus.11 Diese beschränkten 
sich allerdings geographisch auf die noch nicht vereinigten drei Saarstädte, besonders auf 
St. Johann, und in sozialer Hinsicht auf die Handwerksgesellen. So wurden im Verlaufe 
der 1870er Jahre verschiedene Versammlungen abgehalten und kleinere protogewerk- 
schaftliche Ortsvereine etwa für Klempner (1874) und Buchbinder (1876) gegründet.1’ 
Diese überschaubaren Zirkel, die mangels eigener Räumlichkeiten in Hintersälen von 
Wirtshäusern tagten,13 tangierten in keinerlei Weise die lokal und regional ansässigen In¬ 
dustriearbeiter. Zwar existierten daneben noch einige kleine mehr oder weniger im Unter¬ 
grund operierende Vereinigungen. Außerdem zirkulierten von Zeit zu Zeit Presseerzeug¬ 
nisse und Flugblätter im Raum Saarbrücken. 1898 wurde ferner ein „Sozialdemokratischer 
Wahlverein für das Saarrevier“ gegründet. Dies alles schlug sich aber nicht in steigenden 
Wahlresultaten nieder und die Sozialdemokratie des Saarreviers kam im 19. Jahrhundert 
insgesamt nicht über den Status einer „politischen Sekte“14 hinaus, was sich bis zum Ersten 
Weltkrieg auch nicht grundsätzlich änderte. Trotz dem Wirken einiger exponierter Ver¬ 
10 Zitiert nach Mallmann 1987, S. 65. 
11 Vgl. Ritter 1989, S. 32,3-32,7. 
12 Zu den ersten Organisationsbemühungen an der Saar vgl. Mallmann 1980, passim. Hier: S. 129. 
Vgl. außerdem KÜHN, Hans-Joachim: „Freiheit, Brot, Gerechtigkeit!“ Die Arbeiterbewegung an der 
Saar. Katalog zur Ausstellung der Stiftung Demokratie Saarland, Saarbrücken 2007, S. 55. 
13 Zur Rolle der Wirtshäuser gerade für die frühe Arbeiterbewegung vgl. Roberts 1980. 
14 Mallmann 1987, S. 70. 
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