Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

haber im Verdacht standen, mit dem Gewerkverein zu sympathisieren und deren Besuch 
fortan strikt untersagt war. Es waren dies drei Wirtshäuser und sechs Geschäfte, wobei 
man sich Ergänzungen der Liste ausdrücklich vorbehielt. 96 
Generell richtete sich Stumms Kampf gegen alle Strömungen, die sozialreformerisch 
aktiv waren oder Vorgaben, es zu sein. Am 4.Juli 1891 ließ er verkünden: „Ich warne 
alle Angestellten und Arbeiter vor der Theilnahme an der sogenannten deutschsozia¬ 
len (antisemitischen) Bewegung!' 9 Vermutlich bezog er sich auf die 1889 gegründete 
Deutschsoziale Partei, an der unter anderem Paul Förster und Max Liebermann von 
Sonnenberg federführend beteiligt waren. 98 Entscheidend war die von dieser Gruppie¬ 
rung ausdrücklich betonte Ambition, sozialreformerisch tätig zu werden, weniger ihr 
Antisemitismus: Stumm sah eine potenzielle Konkurrenz seiner eigenen Arbeiterpoli¬ 
tik. Aus diesem Grund lieferte er sich des Weiteren intensive Gefechte mit Vertretern 
sozialreformerischer Strömungen beider christlicher Konfessionen. 99 
Neben Politikern und Sozialreformern befehdete Stumm Presseorgane, die gegen 
ihn Partei ergriffen. Am 2.9.Juni 1898 dekretierte er per Anschlag: „An alle Arbeiter! 
Infolge der von der ,Neunkirchener Zeitung' in letzter Zeit gegen mich geschleuder¬ 
ten Verleumdungen betrachte ich es als selbstverständlich, dass kein treuer Arbeiter ein 
solches Blatt fernerhin in seinem Hause duldet!'* 800 802 Hüttenmeister Grenner notierte am 
z8. März 1900 in sein Tagebuch: „Von denjenigen Arbeitern, die die Neunk. Zeitung 
halten, sind einige von Herrn Stumm am Montag gründlich ausgefegt worden [...]!‘8Ü1 
Der Konflikt zwischen Stumm und dem katholischen Publikationsorgan, einer Grün¬ 
dung Georg Friedrich Dasbachs, zog sich über einen längeren Zeitraum hin. Das Zen¬ 
trumsorgan, dessen Leserschaft und Einfluss über Neunkirchen hinaus reichte, bezog 
immer wieder offensiv Stellung gegen die Politik des überzeugten Protestanten und 
Kulturkämpfers Stumm und hatte dabei propagandistisch begabte Autoren wie die Ge¬ 
brüder Ludwig und Jakob Lehnen in seinen Reihen. Die Gebrüder Lehnen äußerten 
sich gerade zur sozialen Frage sehr offensiv und kritisierten die im Saarrevier herrschen¬ 
den Verhältnisse mitunter scharf.809 Außer gegen die Neunkircher Zeitung trug der 1888 
nobilitierte Hüttenunternehmer auch ein schweres Gefecht gegen das 1880 gegründete 
Neunkircher Tageblatt, ein der liberalen Fortschrittspartei nahe stehendes Organ, aus. 
96 Vgl. Die Circulare des Carl Ferdinand Stumm, S. 16. Zitat ebd. 
9 Ebd., n.n„ 4.7.189z, S. 51. 
798 Vgl. dazu: Puschner, Uwe/ScHMiTZ, Walter/ULBRICHT, Justus H. (Hrsgg.): Handbuch zur 
„Völkischen Bewegung" 1871-1918, München 1996, u, a. S. 454 t. 
99 Stumms umfassenden Antisozialismus analysiert Brakelmann 1993, passim. 
800 Siehe Die Circulare des Carl Ferdinand Stumm, S. 65. Hervorhebung im Original. 
801 Zitiert nach Jung 1993, S. 156. 
802 Ludwig Lehnen prozessierte im Jahre 1903 gegen den Vorsitzenden der Saarbrücker Bergwerksdi¬ 
rektion, Geheimrat Hilger. Im „Hilger-Lehnen-Prozess“ prangerte er vor allem die Wahlbeeinflussun- 
gen durch den Bergfiskus sowie dessen offene Katholikenfeindlichkeit an. Vgl. Stadtverwaltung 
Neunkirchen (Hrsg.) 1955, S. 153 f.; Britz 1005, S. 719 f. 
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