Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

versuchte, in Neunkirchen Fuß zu fassen, ergriff die Hütte Gegenmaßnahmen. Vor ei¬ 
ner entsprechenden Versammlung hatte die Unternehmensführung per Anschlag am 
Werkstor den Besuch der Zusammenkunft sowie die Teilnahme am Rechtsschutzverein 
überhaupt ausdrücklich verboten. Zu der Versammlung entsandte sie dann Aufseher, 
die eventuell anwesende Hüttenleute bei der Direktion anzeigen sollten. Die Prävention 
war offensichtlich erfolgreich, denn der Ottweiler Landrat wusste zu berichten: „Von 
den Hüttenarbeitern war ohne besonderen Auftrag niemand in der Versammlung.“ Ei¬ 
ner der Vortragenden Redner war zuvor bereits wegen seiner Tätigkeit im Rechtsschutz¬ 
verein vom Werk entlassen worden.793 
Außerdem richtete Stumm den Bannstrahl auch gegen den „undeutschen Demago¬ 
gen Hirsch“ und die sich um ihn scharenden „gewissenlosen Agitatoren“: „Am hiesigen 
Orte soll sich ein Ableger jener berüchtigten [Hirsch-Dunckerschen] Gewerkvereine 
gebildet haben, deren englische Vorbilder weit über das Mass der sozialdemokratischen 
Ausschreitungen hinaus nicht vor den gewalttätigsten Verbrechen zur Erreichung ihrer 
Ziele zurückgeschreckt sind.“ Die Gewerkvereine hätten „das Verhältnis der Arbeiter 
zu ihren Arbeitgebern vergiftet“ und „hunderte bis dahin fleissige und solide Arbeiter 
in Wut und Elend gestürzt und eine noch weit grössere Zahl derselben dazu verlei¬ 
tet, ihre mühsam ersparten Groschen in Invalidenkassen überzuführen, welche keine 
Versicherungen für die übernommenen Verpflichtungen gewähren“, 94 In den Hirsch- 
Dunckerschen Gewerkvereinen sah Stumm also auch eine Konkurrenz zu den eigenen 
Versorgungsanstalten: Ein Erfolg ihrer Angebote unter den Arbeitern hätte seine eigene 
Autorität und Autonomie, die sich ja gerade auf die vergleichsweise umfassende Sozial¬ 
politik stützten, gefährdet. Der Schutz der autonomen betrieblichen Herrschaftsgewalt 
vor äußerer Einflussnahme war ein essenzielles Motiv der gegen sozialdemokratische 
oder sozialreformerische Bewegungen gerichteten Bestimmungen. Dies sollte bei aller 
ideologischen Rhetorik gerade von Stumm stets berücksichtigt werden. 
So schritt man auch gegen die insgesamt doch eher gemäßigte und wirtschaftsfried- 
liche Hirsch-Dunckersche Organisation, die in Neunkirchen zwar eine Filiale gründe¬ 
te, aber überhaupt keine Hüttenarbeiter anwerben konnte, 95 rigoros ein und bediente 
sich dabei der gleichen Mittel wie im Kampf gegen die Sozialdemokratie: „Unter diesen 
Umständen halte ich es für meine Pflicht, die bisher von meiner Firma gegen sozial¬ 
demokratische Agitationen gerichtete Bekanntmachung auf die Hirsch-Dunkerschen 
Gewerkvereine und alle diejenigen, welche dieselben direkt oder indirekt unterstützen, 
auszudehnenT Folgerichtig wurden einige Gaststätten und Geschäfte genannt, deren In¬ 
793 Vgl. Labouvie (Hrsg.) 2.001, S. 336. 
94 Dieser Aushang ist datiert auf den 9.7.1881. Siehe Die Circulare des Carl Ferdinand Stumm, S. 16. 
Alle Zitate ebd. 
94 Zum Hirsch-Dunckerschen Gewerkverein, seiner Programmatik und seiner Organisation im Allge¬ 
meinen vgl. Engelhardt, Ulrich: „Nur vereinigt sind wir stark!* Die Anfänge der deutschen Gewerk¬ 
schaftsbewegung 1861/63 bis 1869/70, Bd. i, Stuttgart 1977 (industrielle Welt, Bd. 2.3), S. 659-684. Zu 
dessen Aktivitäten in Neunkirchen vgl. Bungert/Mallmann 1978, S. 2,39. 
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