Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

Hand gaben: „Da dem Hüttengesangverein in diesem Jahre noch große kulturelle Auf¬ 
gaben im Dienste unserer deutschen Sache Zufällen, wünschen wir ihm ein weiteres Em¬ 
porsteigen auf der neu eingeschlagenen Bahn, um am Tage der Wiedervereinigung mit 
unserem Vaterlande würdig in der Abwehrfxont gegen undeutschen Geist zu stehen.“650 
In einer hochbrisanten politischen Ausnahmesituation, wie sie im Jahr 1934 im gesam¬ 
ten Saargebiet vorherrschte, offenbarten sich nicht nur die politischen Ambitionen der 
Werksleitung, unter deren Ägide diese Vereinigungen ja standen, sondern auch die ge¬ 
nerelle Intention werkseigener Kulturpolitik, die dahin zielte, neben folkloristischem 
Kultur- auch handfestes politisches Gedankengut zu kommunizieren: Der Extremfall 
belegt die grundlegende gesellschaftspolitische und ideologische Dimension betriebli¬ 
cher Sozial- und Kulturpolitik. 
In Düdelingen scheint die Kultur- und Freizeitpolitik sehr viel weniger intensiv ge¬ 
pflegt worden zu sein. Einige wenige Hinweise deuten aber darauf hin, dass sich das 
Unternehmen in gewissem Umfang im Bereich des Sports engagiert hat. Lucien Blau 
legte einen Aufsatz unter dem paradigmatischen Titel „Kicken im Schatten der AR- 
BED“ vor.651 Nicht nur waren die meisten Spieler und Funktionäre der seit 191z gegrün¬ 
deten Düdelinger Fußballvereine - es gab bis 1916 deren drei - Arbeiter und Beamte des 
Werks, auch gehörten die Spielstätten zumeist dem Unternehmen. Darüber hinaus trat 
die Firma als Sponsor der Mannschaften auf.652 653 In der Schrift zum 50-jährigen Jubilä¬ 
um der Stadterhebung Düdelingens ist außerdem davon die Rede, die Hüttendirektion 
habe lokalen Kleingarten- und ähnlichen Vereinen Land zum Vorzugspreis zur Verfü¬ 
gung gestellt.652 Überdies verfügte die Hütte über ein Schwimmbad, das von Werksan¬ 
gehörigen und deren Angehörigen genutzt werden konnte. Das Unternehmen beförder¬ 
te außerdem die lokale Pfadfinderbewegung, tat sich also in der Jugendpflege hervor.654 
Es ist anzunehmen, dass weitere ähnliche Aktivitäten von der Werksleitung ausgingen, 
sie fanden aber weder Erwähnung in der lokalhistorischen Forschungsliteratur, noch 
sind sie archivarisch bezeugt. Aussagen über etwaige gesellschaftspolitische Ambitionen 
des Betriebs, wie sie in Neunkirchen zweifelsfrei festzustellen sind, sind im Düdelinger 
Fall angesichts fehlender Quellen nicht seriös zu treffen. Klar ist aber, dass, als Folge 
des Engagements in dem gerade unter Arbeitern so beliebten Fußballsport, das Unter¬ 
nehmen weit in den Privat- und Freizeitbereich hineinragte, mithin mehr sein wollte 
und wohl auch mehr darstellte als einen reinen Arbeitgeber. Über das Bemühen um die 
populärste Freizeitbetätigung ihrer Beschäftigten verschuf sich die Firma Legitimation 
und Ansehen über ihre Rolle als Brotgeber hinaus. 
65u Siehe Neunkircher Volkszeitung 22/1934. Artikel „Jahreshauptversammlung des Hüttengesangver¬ 
eins“. 
6,1 Vgl. Blau 2007a. 
652 Vgl. ebd., S. 183. 
653 Vgl. Robert, Henri: Freizeitgestaltung, in: Livre du cinquantenaire de la ville de Dudelange 1907- 
i957i Esch-sur-Alzette 1937, S. 117-124, hier S. 118. 
<S| Siehe Lorang 2009, S. 9 (Abbildungen). 
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