Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

Im Depositum der Saarstahl AG sind einige Programme überliefert, die über die von 
der Hütte selbst, ohne intermediäre Funktion der Vereine organisierten kulturellen Ver¬ 
anstaltungen aus den früheren 1930er Jahren informieren. Zugleich geben sie Auskunft 
über die jeweiligen Zuschauerzahlen. Höhepunkte im Theaterbereich waren ein Passi¬ 
onsspiel am 2. November 1934, das von 855 Zuschauern besucht wurde, sowie eine Insze¬ 
nierung von Schillers ,Wilhelm Teil' mit 723 Teilnehmern. Außerdem wurden 1933/34 
drei Konzerte gegeben mit bis zu 678 Zuhörern. Insgesamt fanden in den Dokumenten 
sechs größere kulturelle Veranstaltungen Erwähnung, zu denen sich zusammengerech¬ 
net 3.589 Besucher einfanden. Allerdings stießen diese Angebote in ihrer Wirkung auch 
an Grenzen: Jeder Hüttenbeschäftigte hatte zwar kostenlosen Eintritt; zu einem Hüt¬ 
tenkonzert am 17. Dezember 1933 wurden sogar 1.077 Gutscheine im Vorfeld verteilt, 
von denen allerdings nur 678 wahrgenommen wurden.64 
Zu dieser Zeit war die Kulturpolitik des Neunkircher Eisenwerks bereits in nationalso¬ 
zialistisches Fahrwasser geraten. Zwar erfolgte die Rückgliederung des Saargebiets an das 
Deutsche Reich erst am 1. März 1935 im Anschluss an die Saarabstimmung vom 13. Januar, 
aber bereits im Laufe des Vorjahres begann die heiße Phase des Abstimmungskampfes,6t‘s 
in welchem sich die Neunkircher Werksleitung klar positionierte: Sie ergänzte ihre eigene 
Freizeit- und Kulturpolitik durch nationalsozialistisch indoktrinicrte und gesteuerte Ak¬ 
tivitäten und ließ die NS-Funktionäre scheinbar frei schalten und walten. Allein im Jahr 
1934 bot die Organisation ,Kraft durch Freude' unter anderem Reisen nach Norwegen, 
Norderney, in den Schwarzwald, nach Oberbayern, ins Allgäu und aufs Münchener Ok¬ 
toberfest an. 634 Personen - „aktive Hüttenleute'' und Ehefrauen - nahmen, glaubt man 
einem entsprechenden Bericht, an diesen Reisen und Ausflügen insgesamt teil. Uber die 
Reise in den Schwarzwald im Februar 1934 berichteten angeblich 16 Hüttenleute, deren 
Erfahrungen in einem kurzen Text zusammengefasst wurden. Der Report schließt mit 
der Formel „Mit deutschem Gruß Heil Hitler“ und es heißt darin unter anderem: „Eine 
Begeisterung wie bei Auszug der Truppen im Jahre 1914“ sei angesichts der Abordnungen 
von SA, SS, HJ, BDM, von denen man an den Bahnhöfen empfangen worden sei, aufge¬ 
kommen. Bis Juni 1934 wurden außerdem 210 aktive Hüttenarbeiter und 291 Arbeitslose 
an den ,Reichsarbeitsdienst' vermittelt.647 649 
Auch die bereits seit längerer Zeit existierenden Hüttenvereine folgten in dieser 
weltanschaulich aufgeladenen Periode nationalsozialistischer Propaganda. Die Vorsit¬ 
zenden der Werkssängerschaft wurden einem Artikel der Neunkircher Volkszeitung aus 
dem Jahr 1934 zufolge als „Führer“ tituliert, während die verantwortlichen Redakteure 
zum Abschluss ihrer Ausführungen den Hüttensängern folgende Empfehlung an die 
647 Alle Informationen, Daten und Zahlen siehe: StA Nk, Dep. Saarstahl AG, 745-1-6-1935-37, Tafel 
Nr. 8, S. 2..; StA Nk, Dep. Saarstahl AG, 775-1-6-1931-37. 
648 p)jeser Themenkomplex wird in Kap. VI.5 der Arbeit noch intensiver zu behandeln sein. 
649 Alle Informationen zu den nationalsozialistischen Aktivitäten auf dem Hüttenwerk finden sich in 
einem Dossier zu belegschaftsstatistischen Angelegenheiten, das im Neunkircher Depositum des Ar¬ 
chivs der Saarstahl AG überliefert ist: StA Nk, Dep. Saarstahl AG, 745-1-6-1935-37. 
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