Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg (46)

gründet: „L’accidenté n’a pas fait usage des appareils de protection ou [...] les a enlevés.“ 
Jeweils drei Prozent wurden so erklärt: „L’accidenté a agi contre les instructions reçus“, 
er habe „vêtements inappropriés“ getragen oder es handele sich um „accidents causés par 
des tiers“. In der Summe gingen also 69 Prozent aller Unfälle nach Meinung der Werks¬ 
leitung auf das Konto der Arbeiter, während nur 27 Prozent auf dem Arbeitsprozess 
inhärente Ursachen zurückgeführt wurden. Bei vier Prozent seien die Ursachen nicht 
feststellbar, während, so wird ausdrücklich festgehalten, überhaupt keine Vorkommnis¬ 
se dieser Art durch fehlende Instruktionen oder mangelhafte Sicherheitsvorrichtungen 
zu erklären seien.10 
Vergleicht man diese Aussagen mit den Inhalten der Arbeiterdelegationssitzungen, 
die ungefähr im gleichen Zeitraum abgehalten wurden, so ergibt sich ein etwas ande¬ 
res Bild. Immer wieder wird auf mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen hingewiesen. 
Am 21. August 1925 etwa wurde das Anbringen eine Staubfilters im Stahlwerk ebenso 
gefordert wie die flächendeckende Ausstattung der Konvertermaurer mit festen Holz¬ 
schuhen, die bislang nur den I. Konvertermaurern, also den Vorarbeitern, zugestanden 
wurden.107 108 Das feste Schuhwerk schützte vor heißem und herabfallendem Material und 
ähnlichen Gefährdungen am Arbeitsplatz. Am 16. April 1926 wurde auf Antrag der 
Delegation die Ausgabe von Lederschürzen für die Arbeiter im Bandeisenwalzwerk be¬ 
willigt.109 Die Schürzen hatten gleichermaßen Schutzfunktion. In der gleichen Sitzung 
wurde, thematisch dazu passend, die Klage eines Arbeiters verhandelt, dessen Kleidung 
bei einem Arbeitsunfall Feuer fing und verbrannt ist. Am 16. September 1927 formulier¬ 
te man ganz allgemein Wünsche, die Unfallverhütung zu verbessern, und zwar in Form 
von Schulungen oder durch die Anschaffung von entsprechendem Material.110 Am 
19. März 1929 wiesen die Arbeiterdelegierten auf eklatante Sicherheitsmängel im Werk 
Greisendahl sowie in der Gießerei hin: Umbaumaßnahmen seien unter schwebenden 
Lasten vorgenommen worden. Schließlich wurde in der gleichen Sitzung die Verbesse¬ 
rung der Werksbeleuchtung angemahnt.111 Unzureichende Versorgung mit Licht führte 
wohl auch des Öfteren zu Unfällen. Sämtliche am 19. März 1929 angebrachten Vorschlä¬ 
ge wurden in der darauffolgenden Sitzung vom 7. Juni 1929 noch einmal aufgegriflen,112 
das heißt, die Werksleitung kam ihrer Verpflichtung zur Verbesserung der Arbeitssicher¬ 
heit nicht direkt nach. Die Versäumnisse sind in den genannten Fällen durchweg bei 
der Werksleitung zu suchen und es erscheint in diesem Licht unangemessen, die Unfall¬ 
risiken einseitig den Arbeitern anzulasten, wie es in oben zitiertem Bericht erfolgt ist. 
Weiterhin ist festzuhalten, dass diese Mängel gegen Ende der Zwanzigerjahre auftraten, 
dass also noch weit in der Zwischenkriegszeit erhebliche Sicherheitsrisiken bestanden. 
107 AnLux, ADU-Ui-94- 
iU8 AnLux, ADU-U1-336. Delegationssitzung vom 11.8.1925, 9.50 Uhr, Tagesordnungspunkt 5. 
109 Ebd,, Delegationssitzung vom 16.4.1926,10 Uhr, Tagesordnungspunkt ia). 
110 Ebd., Delegationssitzung vom 6.9.1927,10 Uhr, Tagesordnungspunkt 6d). 
111 Ebd., Delegationssitzung vom 19.3.1929,10 Uhr, Tagesordnungspunkte 5.5 und 5.8. 
112 Ebd., Delegationssitzung vom 7.6.1929,10 Uhr, Tagesordnungspunkte 5a) und 5c). 
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