Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

Aspekt der Produktion zuständig, während die kaufmännischen Angestellten ebenfalls 
immer mehr an Bedeutung gewannen. Die Angestellten arbeiteten in eigens geschaffe¬ 
nen Büros, in denen die Fäden von technischer Planung, Buchhaltung und Kalkulation 
zusammenliefen.14 Zwischen Angestellten und Arbeitern verlief eine nicht selten scharf 
markierte Grenze, die sich symbolisch schon in der Kleidung und im äußeren Erschei¬ 
nungsbild manifestierte. Erhielten die Arbeiter für ihre Tätigkeit einen Lohn, so bezo¬ 
gen die Angestellten ein regelmäßiges und zumeist höheres Gehalt.1'’ Außerdem standen 
die Angestellten - zumindest in der Theorie - in einem anderen, engeren Verhältnis zur 
Firmenleitung. Sie wirkten als verlängerter Arm der Werksleitung, daher erschienen bis¬ 
weilen „Angestelltenfunktionen als delegierte Unternehmerfunktionen“.16 Brennspie¬ 
gelartig verdichtet sich die so verstandene Rolle der Angestellten in dem zeitgenössi¬ 
schen Terminus des „Privatbeamten“: Wie der staatliche Beamte ist auch der Beamte im 
Industriebetrieb zu Loyalität und Gehorsam dem Arbeitgeber gegenüber verpflichtet.1 
Letztlich blieb das rational durchorganisierte Industrieunternehmen aber eine ide¬ 
altypische Wunschvorstellung, oder, wie Thomas Welskopp drastisch formuliert, eine 
„wirklichkeitsfremde Chimäre“. Vielmehr ist der Betrieb als „sozialer Raum“ oder „kon¬ 
kretes Handlungssystem“ zu begreifen, „in dem alle Beteiligten als sozial kompetente 
Akteure handeln und in komplexe Konfigurationen aus asymmetrischen Machtbezie¬ 
hungen, Kooperationsstrukturen, Aushandlungsforen sowie Konsens- und Opportu¬ 
nitätsverhältnissen eingebunden sind, welche systemische Qualität besitzen“.18 Die Be¬ 
triebsverfassung, die Fabrikordnungen und das ,Organigramm* gaben zwar den Rahmen 
des Handelns vor, dieser musste aber von den Akteuren im betrieblichen Alltag jeweils 
neu interpretiert und mit Leben erfüllt werden.19 Die Unternehmensleitung war letzt¬ 
lich angewiesen auf eine wenigstens partiell eigenverantwortlich handelnde Belegschaft. 
Gerade das Know-how der Facharbeiter war für die Produktivität des Unternehmens 
unersetzlich. 
Die Angestellten hatten nicht nur technische und betriebswirtschaftliche Aufgaben, 
sondern auch aufseherische Funktion. Hierin lag die unmittelbarste Kontaktzone mit 
den Arbeitern. Die Privatbeamten hatten gemeinsam mit Aufsehern, Meistern, Vor¬ 
arbeitern, aber auch Pförtnern und sogenannten Hüttenpolizisten - die Grenzen wa¬ 
14 Vgl. Kocka 1969, passim. 
15 Zur Abgrenzung von Arbeitern und Angestellten vgl. Ruppert 1983, S. 49 f.; außerdem König 
1997. Mario König weist aber zurecht daraufhin, dass die Grenzen zwischen Facharbeitern und kleinen 
oder mittleren Angestellten mitunter fließend waren. 
16 Kocka 1969, S. 19. 
1 Zum Begriff des Privatbeamten und dessen Implikationen vgl. ebd., S. 148-157; außerdem Ruppert 
1983, S. 49. 
18 Welskopp 1996, S. 130£ 
19 Vgl. dazu die beiden hier verhandelten Werke: TrinkaüS, Fabian: Machtstrukturen und Arbeiter¬ 
handeln in der Eisen- und Stahlindustrie vor dem Ersten Weltkrieg. Die Fälle Neunkirchen (Saar) und 
Düdelingen (Luxemburg), in: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 13/1 
(2014), S. 37-53. 
198
	        

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