Full text: Arbeiterexistenzen und Arbeiterbewegung in den Hüttenstädten Neunkirchen, Saar und Düdelingen, Luxemburg

ten eine starke Sogwirkung ausübte {pull-Faktoren).383 Die Pfade wurden umso fester, 
je mehr Menschen sie beschritten, versorgten die Migranten doch ihre in der Heimat 
gebliebenen Verwandten, Dorfnachbarn oder Bekannten mit Informationen oder Rat¬ 
schlägen zu deren eigener Abwanderung. Außerdem wurden sie desto leichter und öfter 
beschreitbar, je weiter das Verkehrs- und Schienennetz ausgebaut wurde. In globaler Per¬ 
spektive sind sicherlich die Abwanderungen aus Sizilien oder Irland in die Vereinigten 
Staaten signifikante Beispiele zeitlich stabiler Migrationssysteme. 
Dass sich derartige Systeme herausbilden konnten, weist auf den Umstand hin, dass 
sich Migration in der Regel nicht isoliert abspielte. Schon die Entscheidung zur Ab¬ 
wanderung wurde häufig im Familienzusammenhang getroffen wenn es darum ging, 
Versorgungsmöglichkeiten für die Angehörigen aufzutun. Die Migrationspfade waren 
durch ,Pioniere1 aus dem familiären oder dörflich-regionalen Umfeld, denen man auch 
sein Wissen über die Zielregion verdankte, erschlossen und bekannt. Man folgte also 
Vorgängern aus dem Familien- oder Nachbarschaftskreis auf dem Weg an den neuen 
Arbeitsort. Diese Mechanismen bezeichnen Migrationshistoriker als Folge- oder Ketten¬ 
migration, die quantitativ die isolierte Einzelmigration bei weitem übertraf.383 384 Die über¬ 
seeische Auswanderung weckte immer wieder das Interesse der Forschung, vielleicht 
auch deshalb, weil diese Form der Wanderung eine gewisse Aura des Abenteuers und der 
Exotik versprüht. Jedoch machten die überseeischen Wanderungen und andere Fern¬ 
wanderungssysteme nur einen Teil des Migrationsvolumens aus. Daneben existierten 
vielfältige Formen der Binnen- und Nahwanderung, welche die verarmte Landbevölke¬ 
rung off nur bis in die nächste Industriestadt führten,385 wie etwa der Zug der ländlichen 
Unterschichten aus den linksrheinischen Realerbteilungsgebieten in die werdenden In¬ 
dustriezentren des Saarreviers. 
Die Herausbildung der lohnabhängigen Industriearbeiterschaft als solcher darf als 
eine der wichtigsten Migrationsfolgeerscheinungen gelten. So wie viele Städte erst im Ver¬ 
lauf der demographischen Umschichtungen entstanden sind, so ist auch die soziale For¬ 
mation der Industriearbeiterschaff überhaupt nur infolge des massiven Wanderungs¬ 
geschehens im Zeitalter der Industrialisierung denkbar: „Sie [die Binnenwanderung] 
hat sowohl den Prozeß der Urbanisierung als auch die Bereitstellung des industriewirt- 
schafflichen Arbeitskräffepotentials erst ermöglicht“, fasst Hans-Ulrich Wehler das 
Faktorengeflecht zusammen.386 So bildet die Untersuchung der regionalen Herkunff 
und Zusammensetzung der Arbeiterschaft: ein zentrales Paradigma der Arbeiterhis- 
toriographie. Einige wenige Beispiele mögen dies verdeutlichen. David Crew fragt im 
zweiten Kapitel seiner Studie über die Industriestadt Bochum nach der geographischen 
383 Vgl. ebd., S. 2 f. Zu dem Begriffspaar der push- und /w//-Faktoren vgl. Hoerder/Lucassen/Lu- 
CASSEN 2007, S. 32. 
384 Vgl. ebd., S. 33. 
383 Eine übersichtliche Typologie der Migrationen entwerfen Hoerder et al. Siehe ebd., S. 37. 
38i Wehler 1995, S. 503. 
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